Paul Nathan (1857–1927) war eine Schlüsselfigur des liberalen deutsch-jüdischen Bürgertums. Als Publizist, Politiker und Mitbegründer des »Hilfsvereins der deutschen Juden« engagierte er sich leidenschaftlich für soziale Gerechtigkeit, Bildung und den Kampf gegen Antisemitismus. Trotz seiner Ablehnung des Zionismus unterstützte er jüdisches Leben in Palästina aus humanitären Gründen. Sein Leben war geprägt von politischen Widersprüchen und einem tiefen Glauben an Integration und Reform – ein Glaube, der in den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts tragisch enttäuscht wurde.
Dr. Christoph Jahr ist ein deutscher Historiker mit Schwerpunkt auf der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Er lehrt an der Humboldt-Universität Berlin und hat sich insbesondere mit Themen wie Antisemitismus, Justiz- und Wissenschaftsgeschichte sowie Militärgeschichte befasst. Zu seinen Publikationen gehören u.a. »Blut und Eisen. Wie Preußen Deutschland erzwang«, »Antisemitismus vor Gericht. Debatten über die juristische Ahndung judenfeindlicher Agitation in Deutschland« sowie »Paul Nathan. Publizist, Politiker und Philanthrop, 1857–1927«.
Lutz Vössing sprach mit Dr. Christoph Jahr über die umtriebige Geschichte Paul Nathans.
Wie kam es zu Ihrem Interesse an Paul Nathan?
Ich bin durch meine Beschäftigung mit deutsch-jüdischer Geschichte und der Geschichte des Antisemitismus schon früh auf Paul Nathan gestoßen. Den Anstoß zur intensiven Befassung mit ihm gab mir jedoch erst eine von der James Simon-Stiftung generös finanzierte Auftragsbiographie, die im Jahr 2018 veröffentlicht wurde. Das ergab insofern Sinn, als der große Mäzen James Simon und Paul Nathan Brüder im Geiste waren und in vielen Bereichen kongenial zusammenarbeiteten. Simon lieferte das ökonomische und soziale Kapital mit seinen Beziehungen bis ins Kaiserhaus, Nathan war der umtriebige, weltgewandte Politikmanager. Simon repräsentierte, Nathan organisierte.
Woher stammt Nathan?
Nathan war das, was man eine »Berliner Pflanze« nennen könnte. Sein Geburtshaus trug die berlinistischste aller Adressen: Unter den Linden 18. Nathan hatte zeitlebens seinen Lebensmittelpunkt in Berlin. Von hier aus pflegte er sein globales Netzwerk, von hier aus reiste er um die Welt. Er stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die über Nathans Mutter mit einer wohlsituierten Bankiersfamilie verbunden war. Nach dem frühen Tod seines Vaters geriet Nathans Familie allerdings in finanzielle Bedrängnis. Seine Sozialisation war die eines »typisch deutschen« Bildungsbürgers des 19. Jahrhunderts. Sein Jüdischsein begriff er als biographischen Zufall – und wohl als keinen glücklichen. Er hielt daher zeitlebens Abstand von der jüdischen Religion, scheint aber nie erwogen zu haben, aus dem Judentum aus- oder gar zum Christentum überzutreten.


Wie kam Nathan zur Politik? Was war sein Ansporn?
Es gab wohl kein einzelnes Ereignis, das Nathan zur Politik brachte. Als Heranwachsender erlebte er aber die 1860er Jahre mit, in denen die Industrialisierung Fahrt aufnahm, aus dem Deutschen Bund der Deutsche Nationalstaat wurde, eine epochale Auseinandersetzung zwischen politischem Liberalismus und preußischem Machtstaat ausgetragen wurde und die Emanzipation der Juden ihren Abschluss fand. Erstmals fassbar wird Nathans politische Orientierung in einem Brief vom 18. März 1878 an einen Jugendfreund. Darin schilderte er mit Sympathie und Respekt die Prozession einer Arbeiterdelegation zum Friedhof der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain.
Sein politischer Werdegang ist interessant: Er begann als liberaler Politiker und schloss sich später der SPD an. Können Sie das erläutern?
Dass Nathan trotz jugendlicher Sympathien für die Sozialdemokratie seine politische Heimat im Liberalismus fand, lag vor allem an Ludwig Bamberger und Eduard Lasker. Diese führenden Köpfe der »Sezession«, der Bismarck-kritischen Abspaltung der Nationalliberalen, gewannen Nathan für die Mitarbeit in der neu gegründeten Liberalen Vereinigung und für die Redaktionstätigkeit in ihrer Tageszeitung. Später wurde der »Sozialliberale« Theodor Barth einer der engsten Freunde Nathans, mit dem zusammen er die Gallionsfigur der Wochenzeitschrift »Die Nation« war. Sei es in seiner publizistischen Tätigkeit, als Berliner Stadtverordneter oder als stiller Förderer: Nathan war zeitlebens sozialpolitisch sehr stark engagiert und gehörte in dieser Hinsicht zum äußersten linken Flügel des Liberalismus. Als er 1921 schließlich zur SPD übertrat, hatte er gewissermaßen nur sein Gewicht vom rechten auf den linken Fuß verlagert. Insofern ist es vielleicht zugespitzt, aber nicht falsch, wenn Nathan sich 1921 darauf berief, »da wieder anzuknüpfen, wo ich als junger Student gestanden habe, im Lager der Sozialdemokratie.«
Nathan kämpfte als Politiker gegen den Antisemitismus und unterstützte trotz seiner Ablehnung des Zionismus früh jüdisches Leben in Palästina. Wie lässt sich das erklären?
Die verschiedenen Spielarten des Zionismus lehnte Nathan vehement ab, weil er das Judentum stets nur als Religionsgemeinschaft, nicht aber als Nation oder Volk begriff. Sein philanthropisches Engagement für hilfsbedürftige Juden in Osteuropa und in Palästina begründete er zuerst aus den Verpflichtungen »als Politiker« und »als humaner Mensch«, erst an dritter Stelle »weil ich zu ihnen gehöre«. Für seine philanthropische Arbeit musste er jedoch mit Vertretern aller religiösen Spielarten des Judentums und des Zionismus kooperieren. Insofern ist es nicht ohne Ironie, dass er als überzeugter Anti-Zionist so viel zum Aufbau eines Jüdischen Staates in Palästina beitrug.

Wie verhält sich das zu seiner späteren Unterstützung des 1. Weltkriegs?
Hinsichtlich seines Nationalismus war er ein bürgerliches Kind seiner Zeit, das die demokratischen Defizite Deutschlands etwa im Vergleich mit Frankreich oder Großbritannien trotzdem immer wieder beklagte. Vor allem im Hinblick auf die Zustände im Zarenreich war er tief vom Gedanken eines politischen, kulturellen und zivilisatorischen West-Ost-Gefälles durchdrungen, was auch eine paternalistische Sicht auf die »Ostjuden« einschloss. Insofern teilte er die Vorstellung, dass der Sieg der Mittelmächte über das Zarenreich zugleich ein Kulturfortschritt und eine Befreiungstat für die dort lebenden Juden sei. Einzugestehen, dass er hier einer Fehleinschätzung unterlag, fiel ihm schwer. Die Widersprüche in Nathans Denken und Handeln lassen sich wohl nicht vollständig auflösen. Sie machen aber die Beschäftigung mit seinem Leben und Handeln umso interessanter.
Was hat er Zeit seines Lebens erreichen können?
Sehr viel. Er baute mit dem »Hilfsverein der deutschen Juden« die bedeutendste jüdische Wohltätigkeitsorganisation Deutschlands auf, die hunderttausenden Juden die Auswanderung aus Osteuropa ermöglichte, unzählige Sozial- und Bildungseinrichtungen dort und in Palästina unterstützte und immer wieder gegen den Antisemitismus auftrat und Pogromopfer unterstützte. Zugleich war er eine der führenden Stimmen Deutschlands, die für die Liberalisierung und Demokratisierung des Kaiserreichs eintraten und nach 1918 die Weimarer Republik vorbehaltlos unterstützten. Doch die Zeitumstände waren stärker als er. Die Liberalisierung und Demokratisierung Deutschlands blieben unzureichend, der Antisemitismus konnte nicht dauerhaft zurückgedrängt werden. Nathans wiederholte Versuche, ein Reichstagsmandat zu erlangen, scheiterten. Die transatlantische Migration kam infolge des Weltkriegs und der Abschottungspolitik der Aufnahmeländer in der Zwischenkriegszeit weitgehend zum Erliegen. Und die Ernte für Vieles, was Nathan und der Hilfsverein in Palästina initiiert hatten, das Technion in Haifa voran, fuhren andere ein.



Was bleibt nun vom Politiker und Menschen Nathan?
Äußerlich nicht viel. Als nimmermüder Organisator stand er stets einen halben Schritt hinter den großen, auch dem breiten Publikum bekannten Personen des politischen Liberalismus oder der jüdischen Gemeinschaft. Ernst Feder, der, eine Generation jünger als Nathan, ihn zeitlebens bewunderte, hat mit seiner bereits Ende 1928 veröffentlichten Biographie versucht, das Andenken an ihn zu prägen. Doch Nathan war persönlich nicht unkompliziert und polarisierte oft, vor allem durch seine scharfe Ablehnung des Zionismus. Chaim Weizmann verurteilte ihn, wie auch James Simon, als »Kaiser-Juden«, der sein Jüdischsein zugunsten eines vagen und am Ende brutal enttäuschten Integrationsversprechens verraten habe. Vor allem aber war es die nationalsozialistische Herrschaft, die sein Engagement für Humanität und Demokratie als gescheitert erscheinen lassen könnten. Insofern hat Nathans Lebenslauf etwas Tragisches, das Alfred Wiener aus Anlass von Nathans 100. Geburtstag im April 1957 beschrieb: »Diesem besonderen Mann hat das Leben die Chance, sich ganz zu entwickeln, nicht geschenkt.« Umso wichtiger ist es, an seinem Beispiel die positiven Potentiale der deutschen Geschichte in Erinnerung zu rufen.
Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.