Ludwig Haas – Vorkämpfer für Demokratie und Rechtsstaat

Ludwig Haas war ein deutscher Jurist und linksliberaler Politiker, der sich im Kaiserreich und in der Weimarer Republik engagiert für Demokratie, Parlamentarismus und Rechtsstaat einsetzte. Er gehörte der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) an, war Reichstagsabgeordneter und ein wichtiger Vertreter des deutsch-jüdischen Liberalismus, der für politische Zusammenarbeit und gesellschaftliche Integration eintrat.

Prof. Dr. Andreas Schulz ist ein 1958 in Hamburg geborener Historiker. Er war bis 2025 Generalsekretär der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien e. V. in Berlin. 2017 veröffentlichte er mit Ewald Grothe und Aubrey Pomerance die Monographie Ludwig Haas. Ein deutscher Jude und Kämpfer für die Demokratie (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Band 174), Droste Verlag Düsseldorf.

Lutz Vössing sprach mit Prof. Dr. Schulz über den liberalen Politiker und Kämpfer für Parlamentarismus Ludwig Haas.

Wie stießen Sie auf Ludwig Haas – und was hat Ihr Interesse geweckt?

Bis vor wenigen Jahren sagte auch den meisten Fachkollegen und Historikerinnen der Name Ludwig Haas wenig. Dies lag vor allem daran, dass der liberale Politiker drei Jahre vor der »Machtergreifung« verstorben und mit dessen Tod das Schicksal der vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflüchteten Familie Haas für lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Die historische Forschung erinnerte zuallererst an die im Holocaust ermordeten und an die überlebenden jüdischen Parlamentarier. So war die Wiederentdeckung des liberalen Politikers vor allem den hartnäckigen Nachforschungen seines in Neuseeland lebenden Enkels, Anthony Haas (1944-2019), zu verdanken. Er hatte dem Jüdischen Museum in Berlin 2016 den Nachlass seines Großvaters übergeben und war dort auf die Arbeit der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien aufmerksam gemacht worden, als deren Generalsekretär ich damals amtierte. Eines Tages stand Anthony vor der Tür des Berliner Forschungsinstituts und suchte das Gespräch über seinen Großvater. Dabei wurde mir klar, wie wichtig es für Forschung und Erinnerung an die deutsch-jüdische Geschichte der Weimarer Republik war, sich mit der Biografie von Ludwig Haas zu befassen.

Wofür stand die Person Ludwig Haas?

Der damals prominente, inzwischen aber fast vergessene Politiker hatte sich Zeit seines Lebens voller Zuversicht und Tatendrang für Republik und Demokratie eingesetzt, auch und gerade in jenen Jahren, als diese sich zunehmend von Extremisten bedroht sah. Ludwig Haas repräsentiert das emotional und politisch tief in seiner deutschen Heimat verwurzelte liberale Judentum, das in den 1930er/1940er Jahren durch den Holocaust nahezu eliminiert worden ist. Meine Kollegen Ewald Grothe vom Archiv der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Aubrey Pomerance vom Jüdischen Museum Berlin und ich beschlossen deshalb, die Bedeutung von Ludwig Haas für die Demokratiegeschichte in Deutschland auf einem öffentlichen Symposium und mit einer Publikation zu würdigen.[1])

Was lässt sich über sein Elternhaus und seine Herkunft in Baden sagen?

Ludwig Haas wuchs in einer mittelständischen bürgerlichen Kaufmannsfamilie jüdischen Glaubens auf. Beide Eltern kamen aus Familien, die seit vielen Generationen in Süddeutschland beheimatet waren. Vater Julius (1845-1888) und Mutter Rosa (Rachel) Haas (1851-1940) pflegten einen liberalen Umgang mit den Glaubensvorschriften. Für Ludwig Haas war es dennoch selbstverständlich, sich wie die Eltern der jüdischen Gemeinde seines Heimatortes anzuschließen. Im Haus der Familie Haas verkehrten zahlreiche Geschäftspartner und politische Gesinnungsfreunde aus dem nichtjüdischen Bürgertum. Für Ludwig Haas dürfte das Gefühl des »Dazugehörens« zur bürgerlichen Gesellschaft in den ersten Lebensjahrzehnten prägend gewesen sein – eine persönliche Aufstiegserfahrung, die er mit anderen jüdischen Glaubensgenossen der postemanzipatorischen Generation teilte.

Wie gestaltete sich das studentische Leben jüdischer Studierender um 1900 in Freiburg – gab es Diskriminierungen, Chancen, Netzwerke?

Ludwig Haas trat 1894 als Student der Rechtswissenschaften einer der ersten jüdischen Verbindungen in Deutschland, der vier Jahre zuvor gegründeten Badenia an der Universität Heidelberg bei. Schon die Tatsache, dass sich an den deutschen Universitäten jüdische Studenten in eigenen Korporationen organisierten, ist bemerkenswert. Sie deutet auf den zunehmenden Antisemitismus im universitären Milieu hin, das den jüdischen Kommilitonen durch Ausschlussklauseln den Zutritt zu den studentischen Verbindungen verwehrte. Jüdische Studenten galten als nicht satisfaktionsfähig, aufgrund ihres angeblich »verweichlichten« und »unmännlichen« jüdischen Wesens. Zwar gelang es den in mehreren Städten gegründeten jüdischen Organisationen meist problemlos, die Zulassungsgenehmigung der Universitätsleitungen zu erhalten. Doch spielte sich das Studentenleben im separaten Milieu ab, weil Juden in den schlagenden Verbindungen ihrer deutschen Kommilitonen unerwünscht waren. Ludwig Haas hat diese Entwicklung nicht hinnehmen wollen und wiederholt in öffentlichen Reden zur Gleichbehandlung jüdischer Studenten aufgefordert. Dabei erwies sich erstmals vor größerem Publikum die rhetorische Begabung des Jurastudenten Ludwig Haas. Seine Hoffnung auf gesellschaftliche Anerkennung der jüdischen Studentenschaft indes erfüllte sich nicht. Konsequenterweise schlossen sich daher die jüdischen Verbindungen 1896 zu einem Dachverband, dem Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens zusammen.

Welche Bedeutung hatte die von Haas gegründete deutsch-jüdische Studentenverbindung Friburgia?

Als Ludwig Haas im Wintersemester 1896 das Studium in seiner Geburtsstadt Freiburg fortsetzte, gab es in Deutschland erst eine Handvoll jüdischer Verbindungen.  Im Auftrag des Kartell-Convents gründete er die Friburgia, eine farbentragende, schlagende jüdische Studentenkorporation. Diese bestand nur aus sechs Personen, einem Studentenstammtisch gewissermaßen, der sich mittwochs und samstags in der Weinwirtschaft Dattler auf dem Schlossberg traf. Haas und seinen Mitstudenten ging es darum, als Deutsche und Juden anerkannt zu werden. Sie pflegten deshalb dieselben Rituale wie die deutschen Verbindungsstudenten: schneidiges »männliches« Auftreten, übermäßiges Trinken, öffentliches Farbentragen und einen bis zur Duellforderung gesteigerten Ehrbegriff. Die jüdische Ehre auch mit der Waffe zu verteidigen, erschien auch Ludwig Haas als unabdingbare Maßnahme im Abwehrkampf gegen den an den Universitäten grassierenden Antisemitismus. Noch machte sich der angehende Rechtsanwalt darüber keine allzu großen Sorgen, hielt er diese Anfeindungen doch für Auswüchse verbindungsstudentischer Subkultur.

Wie kam er schließlich zur Politik?

Auf dem Höhepunkt seiner beruflichen Karriere trat Haas 1908 als Sozius einer der bekanntesten Anwaltssozietäten der badischen Residenz- und Landeshauptstadt Karlsruhe bei. Zugleich begann er sich bereits in jungen Jahren in der linksliberalen Deutschen Volkspartei Badens zu engagieren und eine politische Laufbahn anzustreben. Es ist zu vermuten, dass ihn sowohl die Erlebnisse der Studienzeit als auch das Streben nach einer Parlamentarisierung und Demokratisierung zu diesem Engagement motiviert haben.

Marie Schloß, Schwester von Ludwig Haas, Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) und später der DDP, 1919-1921 Mitglied des Landtags der Republik Baden, ging später ins schweizerische Exil © Stadtarchiv Karlsruhe 11/DigB 11, Original im Privatbesitz

Haas meldete sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Soldat. Was sagt das über seinen Bezug zu Deutschland aus?

Haas bezeichnete sich selbst als deutscher Patriot, das heißt, er identifizierte sich emotional mit seiner badischen Heimat und kulturell mit der deutschen Nation, die er 1914 wie viele Altersgenossen seiner Generation von äußeren Feinden bedroht sah. Dass er sich im fortgeschrittenen Alter von 39 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst meldete, unterstreicht seine patriotische Haltung. Sein Fronteinsatz in Flandern ist Ausdruck der tiefen Überzeugung, dem Vaterland in einem gerechten Verteidigungskrieg dienen zu sollen. Diese persönliche Opferbereitschaft darf aber nicht vergessen lassen, dass sich Ludwig Haas in den Vorkriegsjahren politisch stets für eine friedliche Konferenzdiplomatie zwischen den imperialen Großmächten in zahlreichen öffentlichen Reden einsetzte, zuletzt auf der bilateralen deutsch-französischen »Verständigungskonferenz« im Mai 1913 in Bern.

Welchem politischen Spektrum gehörte Haas an?

Ludwig Haas war ein typischer Vertreter des süddeutschen Liberalismus. Das Großherzogtum Baden zeichnete sich wie dessen Nachbarländer Württemberg, Bayern und Hessen im Vergleich zu Preußen durch ein liberales politisches Klima aus. Die bürgerlichen Grund- und Freiheitsrechte wurden auch in spannungsreichen Zeiten nicht substantiell missachtet. Haas betätigte sich in der Deutschen Volkspartei, wie sich die linksliberale Strömung in Süddeutschland nannte, bis sie später in der Fortschrittlichen Volkspartei (FVP) aufging.

Die badische vorläufig Regierung (Haas vordere Reihe 2. v. r.) © LBI NY | B
»Die badische vorläufig Regierung« (Haas vordere Reihe 2. v. r.) © LBI NY | B

Wie verlief seine politische Karriere?

Ludwig Haas‘ politische Karriere verlief in den für das Kaiserreich typischen Bahnen. Die Heimatstadt Karlsruhe, in der er gut 30 Jahre seines Lebens verbrachte, war der Erfahrungs- und Betätigungsraum, der Ort politischer Primärsozialisation. Die Wahl in den Karlsruher Stadtrat 1908 war ein bedeutender Schritt, verbunden mit der praktischen Arbeit in verschiedenen Ausschüssen des Stadtparlaments. Mit der Berufung in ein Ministeramt der letzten großherzoglich-badischen Regierung 1918 und der erfolgreichen Moderation des Übergangs von der Monarchie zur Republik stellte Haas seine Berufung für höhere Aufgaben unter Beweis. Als erstmals 1912 gewählter Reichstagsabgeordneter und Mitglied der Nationalversammlung 1919 gehörte er zum politischen Führungsreservoir der neugegründeten linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Er galt vielen als ministrabel, und so wirft seine Nichtberücksichtigung für das Amt des Reichswehrministers in der ersten Weimarer Koalitionsregierung Fragen auf.

Mit wem arbeitete er zusammen?

Insbesondere in Baden zeigten sich die Linksliberalen frühzeitig offen für Kooperationen mit der politischen Konkurrenz. Ludwig Haas pflegte eine freundschaftliche Beziehung mit dem katholischen Zentrumspolitiker und späteren Reichskanzler Joseph Wirth (1879-1956), und knüpfte Verbindungen an zur badischen Sozialdemokratie um den Offenburger Landtags- und Reichstagsabgeordneten Adolf Geck (1854-1942). In der Weimarer Republik vertiefte sich diese Zusammenarbeit zwischen den drei Parteien. Haas warb gemeinsam mit Wirth und dem sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten Paul Löbe (1875-1967) für eine dauerhafte, auch formelle Koalition zwischen linksliberaler DDP, Zentrum und SPD. Für ihn wie für seine Mitstreiter war diese sogenannte »Weimarer Koalition« der Garant für die politische Stabilität der Republik.

Deutsche und französische Parlamentarier in Basel am 21.06.1914. (Ludwig Haas vordere Reihe 1. v. links, über ihm Hugo Haase) © Wikimedia
Deutsche und französische Parlamentarier in Basel am 21.06.1914. (Ludwig Haas vordere Reihe 1. v. links, über ihm Hugo Haase) © Wikimedia

Wie positionierten sich Haas und die DDP gegenüber den anderen Parteien der Weimarer Republik?

Wie bereits bemerkt, sah Haas die Zukunft der Weimarer Republik am besten gewährleistet in einer dauerhaften Kooperation zwischen DDP, Zentrum und SPD, den drei Parteien der Weimarer Koalition. Mit dem Verlust der Mehrheit dieser politischen Konstellation war er auch zur Zusammenarbeit mit der großbürgerlich-rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP) Gustav Stresemanns bereit. Einer Koalition mit der in Teilen antirepublikanischen und antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) stand er dagegen ablehnend gegenüber. Es charakterisiert Ludwig Haas‘ persönlichen Stil und sein Parlamentarismusverständnis, dass er dennoch selbst zu unversöhnlichen Extremisten der politischen Rechten rhetorische Brücken zu schlagen versuchte, um zumindest eine Arbeitsbeziehung im Sinne eines funktionsfähigen Reichstags zu erhalten.

Woran mag es gelegen haben, dass die Partei Haas nicht für ein Ministeramt vorschlug?

Als sicher gilt, dass wohl auch in der Reichstagsfraktion der DDP, die den prozentual höchsten Anteil an jüdischen Parlamentariern aufwies, Vorbehalte und Ressentiments gegen Juden bestanden. Ungeachtet dessen war Ludwig Haas einer der führenden Redner seiner Partei, auch vom politischen Gegner geachtet, selbst in den Reihen der Deutsch-Völkischen Antisemiten als »patriotischer Frontkämpfer« respektiert. Am Ende seiner politischen Karriere wählte ihn die Fraktion der DDP 1928 zu ihrem Vorsitzenden, ein Amt, das er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit nur noch mit großem Kraftaufwand bewältigen konnte.  

Wie reagierte Haas auf die Krise des Parlamentarismus?

Ludwig Haas zeichnete ein Fortschritts- und Zukunftsoptimismus aus, den auch politische Krisen nicht erschüttern konnten. Er dachte in längeren historischen Zeiträumen und hielt daher auch fortbestehende antijüdische Ressentiments für überwindbar – auch dies eine typische Haltung der postemanzipatorischen Generation jüdischer Politiker. Ein Beispiel für diesen ungebrochenen Optimismus ist die Reaktion auf die Ermordung seines Parteifreundes Walter Rathenau (1867-1922), der 1922 einem Anschlag radikaler Antisemiten erlag.

Sein Glaube an Fortschritt war ungebrochen….

Ja. Trotz der allgemeinen Bestürzung angesichts der brutalen Gewalttat schöpfte Ludwig Haas Zuversicht aus der Tatsache, dass die große Mehrheit der Bevölkerung auf Massenkundgebungen ihr Entsetzen über das feige Attentat und damit zugleich ihre Loyalität zur Republik bekundete. Auch im Weiteren blieb Haas bei allen schwankenden politischen Konjunkturen von der Zukunftsfähigkeit der Weimarer Demokratie überzeugt.

Und das blieb so?

Erst in den letzten Monaten seines Lebens scheint ihm diese Zukunftsgewissheit abhandengekommen zu sein, angesichts der Unfähigkeit der republikanischen Kräfte, zu politischen Kompromissen zu finden. Mit dem Übergang zu den Präsidialregierungen und der Zunahme autoritärer Tendenzen selbst in der eigenen Partei, in einem gesellschaftlichen Klima wachsender Intoleranz und partieller Gewaltbereitschaft gegenüber politischen Gegnern und insbesondere gegenüber der jüdischen Bevölkerung, werden Ludwig Haas am Ende seines Lebens vermutlich ernste Befürchtungen gekommen sein. In diesem Sinne deutet jedenfalls die überlieferte Familienerzählung den Rat, den er seinem Sohn gegeben haben soll: Karl Haas (1909-1992) entschloss sich bald nach dem Tod des Vaters dazu, das Land zu verlassen und sich eine neue Heimat zu suchen.

Autotypie nach einer Zeichnung von Oscar Gehrig 1912. Bildunterschrift: "Der Demokratenhut von Dr. Ludw. Haas. (Es gehen auch schwarze Zettel hinein!)" © Wikimedia
Autotypie nach einer Zeichnung von Oscar Gehrig 1912. Bildunterschrift: „Der Demokratenhut von Dr. Ludw. Haas. (Es gehen auch schwarze Zettel hinein!)“ © Wikimedia

Welche Rolle spielte Haas für die Weimarer Republik im Vergleich zu heute bekannteren Politikern wie Stresemann oder Löbe?

Tatsächlich hat Ludwig Haas seine politischen Ziele nicht erreicht. Weder gelang es, die fragile Weimarer Republik zu festigen, noch eine demokratische Ordnung zu etablieren, die allen Staatsbürgern gleichen Schutz und gleiche Rechte garantierte. Dasselbe gilt für seine Partei, für die republikanischen Kräfte insgesamt, die sich am Ende der Doppelbelastung einer wirtschaftlichen Krise und der politischen Bedrohung durch ihre Feinde im Inneren nicht gewachsen zeigten. Haas steht aber dennoch für die zukunftweisende Einsicht in die Notwendigkeit politischer Kompromisse über Klassengrenzen und politische Lager hinweg, wie sie auch der Sozialdemokrat Paul Löbe personifiziert. In der Außenpolitik trat Ludwig Haas wie Gustav Stresemann für die Bereitschaft zur Verständigung mit dem Kriegsgegner von gestern ein; für eine Politik des auf Diplomatie und Verhandlungen ausgerichteten Interessenausgleichs, wie sie in den Verträgen von Locarno und in der Idee und Praxis des 1920 gegründeten Völkerbundes verwirklicht worden ist. Nur Paul Löbe war es vergönnt, die Verwirklichung dieser Prinzipien in einer demokratischen Ordnung nach 1945 noch als aktiver Politiker zu erleben.

Was macht Ludwig Haas für Sie heute noch interessant?

Ludwig Haas bleibt das Verdienst, als überzeugter Demokrat beispielhaft und vorbildlich gewesen zu sein, weil er auch in Krisenzeiten und unter heftigen Anfeindungen von dieser Orientierung nicht abgewichen ist. Er trat zu allen Zeiten und Konjunkturen in öffentlichen Reden, publizistisch und in der politischen Alltagsarbeit für eine liberale Gesellschaft, für die parlamentarische Demokratie, für eine unabhängige Justiz und Rechtsprechung ein. Tatsächlich lassen sich aus dieser inneren Haltung und Konsequenz durchaus Lehren für die Gegenwart ziehen. Es kommt entscheidend darauf an, dass demokratische Überzeugungen mit Standfestigkeit und Tatkraft vertreten werden, damit sie mehrheitsfähig bleiben. 


[1] Ewald Grothe/Aubrey Pomerance/Andreas Schulz (Hrsg.), Ludwig Haas. Ein deutscher Jude und Kämpfer für die Demokratie, Droste Verlag Düsseldorf 2017.

Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«