Snapshot: Zwischen Zuflucht und Zukunft – Die Applecroft Flüchtlingsherberge in Welwyn Garden City
„Snapshots“ des Leo Baeck Institute London ist eine regelmäßig erscheinende Online‑Reihe, die anhand ausgewählter Bücher, historischer Flugschriften, Artefakte und Personen aus den Sammlungen des Instituts anschauliche Einblicke in Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums bietet.
von Anna-Lena Kaufmann, editiert von Alice Riegler
Nach den deutschen Novemberpogromen von 1938 reagierte die britische Regierung mit der beispiellosen Aufnahme von rund 10.000 jüdischen Kindern im Rahmen des Kindertransports, für erwachsene Flüchtlinge hingegen gab es kaum staatliche Unterstützung. So traten lokale Initiativen in den Vordergrund – kirchliche Gruppen, Wohlfahrtsverbände und Hilfskomitees stellten Unterkünfte in provisorischen Bleiben zur Verfügung und organisierten Ausbildungsprogramme. Dokumente aus den Hertfordshire Archives offenbaren, wie eine gemeinsame Initiative einer Gruppe von Einwohnern aus Welwyn Garden City jüdischen Flüchtlingen Ende der 1930er Jahre half, aus dem faschistischen Europa zu fliehen und sie gewähren zugleich einen eindrücklichen Einblick in die Geschichte einer Familie aus der Tschechoslowakei. Die Idee für das Applecroft Refugee Hostel geht zurück auf Edgar Reissner, einen deutschen Studenten am King’s College London, Wim van Leer, einen niederländischen Juden und Besitzer einer örtlichenMaschinenfabrik, sowie Geoffrey Edwards, einen Quäker. Den Vorsitz des eigens gebildeten Komitees übernahm Captain Richard Reiss, einer der Gründerväter von Welwyn Garden City und engagierter Verfechter der New-Town-Bewegung. Unter seiner Leitung wurde ein Haus in der Applecroft Road als Herberge eingerichtet.
Wim van Leer begab sich daraufhin auf eine riskante Reise nach Leipzig, ausgestattet mit britischen Visa und dem festen Entschluss, junge Jüdinnen und Juden in Sicherheit zu bringen. Nach Verhandlungen mit der Gestapo kehrte er im Januar 1939 mit vierzehn Geflüchteten zurück – Menschen, deren Leben andernfalls mit großer Wahrscheinlichkeit in Konzentrationslagern geendet hätte. Der Betrieb der Unterkunft wurde durch Spenden, monatliche Beiträge, Schenkungen von Möbeln und Ausstattung sowie durch einen Zuschuss des Zentralen Flüchtlingskomitees ermöglicht. Ein lokales, improvisiertes Netzwerk aus Freiwilligkeit, Nachbarschaft und praktischer Hilfe.
Nachdem die erste Gruppe von Geflüchteten im Januar in Welwyn Garden City eingetroffen war, folgten bald weitere. Am 17. März 1939 wendet sich Elise Fuhrmann aus Brünn in der Tschechoslowakei mit einem in englischer Sprache verfassten Brief an Captain Reiss. Darin appelliert sie dringlich an ihn, ihre beiden Söhne Gerhard und Thomas, geboren 1917 und 1919, in Sicherheit zu bringen. Aus dem Dokument geht hervor, dass Reiss ihrem Ehemann Heinrich Fuhrmann, dem Besitzer zweier Textilfabriken, die Aufnahme der Söhne angeboten hatte, wenngleich unklar bleibt, unter welchen Umständen sich die beiden Männer begegnet waren.
Dear mister Reiss I don’t know you, only my husband has told me how [Hervorhebung im Original] kind you are and only a mother can ask you the great favour I do now. You offered my husband that my boys could stay with you in case of danger. The danger is here [Hervorhebung im Original] and please save my unhappy boys. (…) I am quite alone and helpless. Please get them out![Hervorhebung im Original] they are very modest and would love to work but I know it is not allowed in England. But they would do everything. I don’t know, how the way is to be able to go to England. But you surely do know. Please answer me soon and pardon me but I am in terrible despair. Yours Elise Fuhrmann
Reiss’ Antwort scheint voller Zuversicht und Hoffnung gewesen zu sein. Kaum eine Woche später, am 25. März 1939, schreibt Elise Fuhrmann erneut an Reiss und seine Frau Celia und beteuert, dass ihr Brief ihr nach all den dunklen Zeiten neue Hoffnung geschenkt habe. Außerdem legt sie ein „Bild von glücklichen Tagen“ bei. Die Archivakte bewahrt zwei Fotografien: eine zeigt die ganze Familie, die andere Elise Fuhrmann, vermutlich an der Seite ihrer beiden Söhne.
„wie ein Himmel auf Erden“
Kurz darauf, am 28. März 1939: Die Hoffnung scheint erfüllt. Elise Fuhrmann dankt in einem maschinengeschriebenen Brief an Celia Reiss dafür, dass diese sich bereit erklärt hat, ihre Söhne aufzunehmen: „I thank you so much for your kindness. You cannot imagine what it means to us, that you will help us. God bless you!” („Ich danke Ihnen so sehr für Ihre Güte. Sie können sich nicht vorstellen, was es uns bedeutet, dass Sie uns helfen. Gott segne Sie!“) Zugleich sendet sie nähere Angaben zu den beiden und merkt an, dass „both can drive a car“ („beide Auto fahren können“), „Thomas is very good in French, Latin and Greek and could teach it“ („Thomas sehr gut in Französisch, Latein und Griechisch ist und diese Fächer unterrichten könnte“) und „Gerhard is good in all technical things and he is the better driver“ („Gerhard gut in allen technischen Dingen ist und der bessere Fahrer ist“).
Angst und Erleichterung, Furcht und tiefe Dankbarkeit sprechen aus jeder Zeile ihrer Korrespondenz. Die genauen Einzelheiten der Reise von Thomas und Gerhard Fuhrmann nach Hertfordshire bleiben indes im Dunkeln. Bis zum Herbst 1940 hatten sie jedoch erfolgreich in England Fuß gefasst. In einem Brief vom 1. November 1940 schreibt Elise Fuhrmann, der es inzwischen gemeinsam mit ihrem Mann gelungen war, Europa zu verlassen, an Celia Reiss: „You say that our boys are well and that they are loved and that is all we wish.” („Sie sagen, dass es unseren Jungs gut geht und dass sie geliebt werden, und das ist alles, was wir uns wünschen.“) Sie fügt hinzu: „We are most happy that they are now self-supporting and we know what a great help you have been to them“ („Wir sind überglücklich, dass sie nun auf eigenen Beinen stehen, und wir wissen, was für eine große Hilfe Sie ihnen gewesen sind“). Damit unterstreicht sie bereits, dass das Heim in Welwyn Garden City weit mehr als nur ein Dach über dem Kopf bot, sondern seinen Bewohnern vielmehr einen Weg in die langfristige Unabhängigkeit und Selbstständigkeit eröffnete.
Zum Zeitpunkt von Elise Fuhrmanns Schreiben an Celia Reiss war das Applecroft Refugee Hostel bereits geschlossen. Es hatte von November 1938 bis zum 31. Dezember 1939 seine Türen geöffnet – der Abschlussbericht wurde am 28. März 1940 in der Welwyn Times veröffentlicht. Darin heißt es, das Heim habe zu verschiedenen Zeiten etwa achtundzwanzig Geflüchtete beherbergt, die meisten von ihnen junge Männer aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei im Alter zwischen achtzehn und dreißig Jahren. Begrenzte Mittel, improvisierte Lösungen, die ständige Suche nach Spenden und Unterstützung. Die detailliert aufgeführten Ausgaben – Lebensmittel, Gas, Strom, selbst der Ersatz von Wäsche – lassen erahnen, wie sehr jeder Pfennig gezählt werden musste. In der Zeitung abgedruckte Briefauszüge zeugen von großer Dankbarkeit der Geflüchteten für die ihnen entgegengebrachte Fürsorge und Menschlichkeit: Auf der Flucht vor der Verfolgung fanden sie Sicherheit, Freundschaft und die Chance eines Neuanfangs. Einige wurden mit ihren Familien wiedervereint, viele konnten voller Hoffnung ein neues Leben aufbauen. Nach den Schrecken des nationalsozialistischen Deutschlands erschien das Hostel, so heißt in einem der Briefe, „wie ein Himmel auf Erden“.
Jüdische Gemeinde in Welwyn Garden City
Am Ende des Zweiten Weltkrieges, im Mai 1945, wendet sich Werner Leschziner, ein jüdischer Flüchtling aus Leipzig, an Richard Reiss, um ihm „tief empfundenen Dank und Dankbarkeit“ dafür auszusprechen, dass er ihn und seine Begleiter „vor den Konzentrationslagern und dem sicheren Tod“ gerettet hatte. Er schildert auch die Wege, die seine Mitflüchtlinge seitdem eingeschlagen hatten: Zwei waren nach Australien und Brasilien emigriert, fünf hatten sich der britischen Armee angeschlossen, einer der US-Armee, andere arbeiteten in der Rüstungsindustrie, in der Landwirtschaft oder im Rechnungswesen. Die meisten hatten einen Antrag auf Einbürgerung gestellt, in der Hoffnung, „die Ehre zu erlangen, Bürger des Britischen Empire zu werden, loyal und für immer dankbar“. Die Geflüchteten, die in Welwyn Garden City blieben, gründeten die jüdische Gemeinde der Stadt, die später eine Synagoge errichtete, welche 1956 eingeweiht wurde.
Im Falle der Familie Fuhrmann ist überliefert, dass es Elise und Heinrich Fuhrmann 1940 gelang, über den Hafen von Triest nach Shanghai zu fliehen. Um die Tschechoslowakei verlassen zu können, waren sie gezwungen, ihr gesamtes Vermögen an die Nationalsozialisten abzutreten. Ein erheblicher Teil dieses Besitzes konnte von den Erben erst im Jahr 2003 über das Claim Resolutions Tribunal von einem Schweizer Bankkonto zurückerlangt werden. Das Ehepaar blieb weniger als ein Jahr in Shanghai, bevor es in die Vereinigten Staaten emigrierte, wo es nach Kriegsende wahrscheinlich mit seinen Söhnen wiedervereint wurde. Die Familie nahm den Namen Forman an und erhielt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Gerhard und Thomas führten beide die Familientradition fort, indem sie als Ingenieure in der Textilindustrie tätig waren. Sie verstarben 1966 und 2018. Das Applecroft Refugee Hostel und das Wirken von Menschen wie Captain Reiss zeigen, dass die Hilfe weit über das Ermöglichen einer Flucht hinausging. Orte wie Applecroft waren nicht nur organisatorische Leistungen, sondern eine existenzielle Rettung. Es ging darum, Zukunftsperspektiven und neue Lebenswege zu eröffnen, mit knappen Ressourcen Solidarität zu organisieren und Räume – so begrenzt sie auch gewesen sein mögen – für die Wahrung menschlicher Würde zu schaffen. In den Briefen der Menschen, denen geholfen wurde, lässt sich die Bedeutung solcher Orte erahnen: nicht nur als Unterkunft, sondern als Brücke von der Verzweiflung zurück ins Leben, getragen von den gemeinsamen Anstrengungen einer ganzen Gemeinschaft. In einer Zeit, in der lokale Behörden in England rechtliche Schritte erwägen, um sich der Unterbringung von Asylsuchenden in örtlichen Hotels zu widersetzen, während rechtsextreme Gruppen versuchen, Proteste zu mobilisieren, um deren Schließung zu erzwingen, erscheint dies als eine Perspektive, die in Erinnerung zu rufen sich lohnt.
Denkmal im Welwyn Garden City’s Park. Foto: LBI London
“This memorial was established with gratitude to Capt. R.L. Reiss, Edgar Reissner and the citizens of Welwyn Garden City by the fourteen young Jewish men who were rescued by Wim van Leer from German concentration camps after the Kristall Nacht in November 1938.” („Dieses Denkmal wurde aus Dankbarkeit gegenüber Capt. R.L. Reiss, Edgar Reissner und den Bürgern von Welwyn Garden City von den vierzehn jungen jüdischen Männern errichtet, die nach der Reichspogromnacht im November 1938 von Wim van Leer aus deutschen Konzentrationslagern gerettet wurden.“)
„Snapshot“-Beitrag von Anna-Lena Kaufmann, redigiert von Alice Riegler.
Recherchen: Jacob Neuwirth; Dank an Stephen Lopes-Dias von der Welwyn Garden City Hebrew Congregation für die bereitgestellten Informationen.
Das Bild des Applecroft Hostels mit freundlicher Genehmigung von „Together for Welwyn Garden City“
Übersetzt aus dem Englischen Original des Leo Baeck Instituts in London.
Bibliographie:
Hertfordshire Archives and Local Studies, DE/X1053/X5/8: Correspondence, cuttings and photographs regarding refugees from Nazi Germany and Holocaust, and the Applecroft Refugee Hostel, mainly relating to the Fuhrmann family of Czechoslovakia.
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