Kurt Eisner – Radikaler Demokrat und Pazifist

Ministerpräsident Kurt Eisner während der Fahrt zur Reichskanzlei anläßlich der Reichskonferenz der Bundesdeutschen Regierung in Berlin, 22. November 1918. Rudolf Sennecke, © Wiki.

Kurt Eisner (1867–1919) war Journalist, Sozialdemokrat und der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern, den er im Zuge der Novemberrevolution 1918 ausrief. Er war Pazifist und Anhänger der parlamentarischen Demokratie. Als Jude, Preuße und Sozialist wurde er früh zur Zielscheibe massiven Antisemitismus und politischer Feindschaft. Auf dem Weg zum Landtag wurde Eisner am 21. Februar 1919 ermordet, sein politisches Erbe blieb in Bayern lange umstritten.

Prof. Dr. Michael Brenner ist Historiker, internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts und lehrt jüdische Geschichte und Kultur in Washington und München. Geboren 1964 in Weiden in der Oberpfalz als Sohn von Holocaust-Überlebenden, engagiert er sich seit Jahrzehnten für die Erforschung und Bewahrung des deutsch-jüdischen Erbes. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist es, jüdische Geschichte in Deutschland in ihrer ganzen Vielfalt zu vermitteln und zugleich dem wachsenden Antisemitismus mit historischer Aufklärung zu begegnen.

Lutz Vössing sprach mit Prof. Dr. Michael Brenner über den ersten Ministerpräsidenten des Freistaates Bayern Kurt Eisner.

Wie entstand Ihr Interesse an Kurt Eisner?

In meinem ersten Semester als Student an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg belegte ich 1983 ein Seminar über jüdische Revolutionäre bei Professor Michael Graetz aus Jerusalem. Meine Seminararbeit schrieb ich damals über die jüdischen Revolutionäre in München 1918/19. Mich erstaunte schon damals, dass sich anscheinend nur die Antisemiten mit Begeisterung dieses Themas angenommen hatten. Seriöse Wissenschaftler vermieden es. Dabei waren die meisten der führenden Politiker während der Revolution in München 1918 und der beiden kurzlebigen Räterepubliken Juden. Gewiss ein heikles Thema, aber auch ein wichtiges. Über dreißig Jahre später gab es immer noch keine Studie über die jüdischen Revolutionäre. Als dann das 100-jährige Jubiläum der Revolution nahte, entschloss ich mich, ein Buch zu diesem Thema zu schreiben – und es bis zum Hitler-Putsch 1923 auszuweiten, so dass auch der Aufstieg der späteren »Hauptstadt der Bewegung« zur Hauptstadt des Antisemitismus in der Weimarer Republik dokumentiert wird.

Fotografie, unmittelbar nach Eisners Entlassung aus dem Gefängnis Stadelheim in München aufgenommen; Porträt, verwendet auf einer Postkarte für Eisners Kampagne »Für Recht und Freiheit«, 1918. © LBI NY | Berlin

Was weiß man über Eisners Elternhaus und seine Jugendzeit?

Kurt Eisner wurde 1867 als Sohn eines »Hoflieferanten in Militäreffekten und Orden« in Berlin geboren. Eine gewisse Ironie für einen späteren Pazifisten! Das Geschäft Emanuel Eisners befand sich Unter den Linden, die Familie lebte in bescheidenem Wohlstand. Kurt Eisners Großvater stammte aus dem böhmischen Hussinec, dem Geburtsort von Jan Hus. Mütterlicherseits stammte Eisner aus einer Berliner Familie namens Lewenstein. Eisners Mutter starb wenige Tage, nachdem ihr Sohn bayerischer Ministerpräsident geworden war. Wie ihr Mann knapp zwanzig Jahre vorher, wurde auch sie auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Wie stand Eisner zur religiösen Praxis?

Religiöse Praxis war für Eisner irrelevant, doch hat er sich zeitlebens zur jüdischen Gemeinschaft bekannt. So lautete der Eintrag unter Religionsangehörigkeit in seinem Reifezeugnis im Askanischen Gymnasium: »jüdischer Religion«.

Welche Ausbildung genoss er?

Eisner studierte acht Semester Philosophie und Germanistik in Berlin, während derer er teilweise vom Hilfsverband für jüdische Studierende unterstützt wurde. Er schlug dann eine journalistische Laufbahn ein und arbeitete u.a. in der Redaktion der Frankfurter Zeitung, bis ihn der spätere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Paul Bader, der Gründer und Herausgeber des General-Anzeigers für Marburg und Umgegend (später Hessische Landeszeitung), als Redakteur nach Marburg holte.

Wie war das politische Klima dort?

Die Gegend in Nordhessen war damals eine Hochburg des Antisemitismus und Eisner war in seiner Tätigkeit auch aktiv im Kampf gegen den antisemitischen Bibliothekar und »Bauernkönig« Otto Böckel, der 1887 für den Wahlkreis Marburg-Kirchhain mit der von ihm begründeten Antisemitischen Volkspartei als erster erklärter Antisemit in den Reichstag eingezogen war. In Marburg lernte Eisner auch den Philosophieprofessor Hermann Cohen kennen, der als Neukantianer bekannt war, aber auch als jemand, der sich intensiv mit jüdischem Denken auseinandersetzte. Beide verband zeitlebens eine intensive Freundschaft.

Wie fand er dann zur Politik?

Eisner war schon frühzeitig Sozialdemokrat. Sein Weg als öffentliche Figur begann in den Jahren nach seiner Marburger Zeit, als er nach einer von Erfolgen und Rückschlägen gezeichneten Karriere als Redakteur sozialistischer Zeitungen wie dem Vorwärts und der Fränkischen Tagespost selbst zu einem politischen Aktivisten wurde.

Kurt Eisner (far right) with two unidentified men during the Bremen Party Congress, on the ferry from Bremen to Helgoland © LBI New York | Berlin
Kurt Eisner (far right) with two unidentified men during the Bremen Party Congress, on the ferry from Bremen to Helgoland © LBI New York | Berlin

Und wie war er politisch verortet?

Zunächst eher dem moderaten Flügel der Sozialdemokratie zugehörig, schloss er sich aufgrund seiner während des Krieges herausgebildeten pazifistischen Gesinnung 1917 der neu gegründeten USPD an und wurde ihr wichtigster Vertreter in München, wo er zu Beginn des Jahres 1918 den Streik von Munitionsfabrikarbeitern organisierte und daraufhin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Eisner während der Demonstration am 16.2.1919 © LBI NY | Berlin

Als Eisner zum ersten Ministerpräsidenten Bayerns wurde – kam das für die Menschen überraschend, oder hatte sich seine Ernennung bereits abgezeichnet?

Das kam völlig überraschend, denn die USPD war eine kleine Partei, und Eisner über München hinaus außerhalb der sozialdemokratischen Kreise kaum bekannt. Aber er war nicht nur ein außerordentlich begabter Journalist, sondern auch ein überzeugender Redner. Es gab am 7. November 1918 eine Massenkundgebung von Sozialdemokraten auf der Theresienwiese, wo traditionell das Oktoberfest stattfindet. Während die Mehrheitssozialdemokraten unter ihrem Vorsitzenden Erhard Auer nach Ende der Kundgebung nach Hause gingen, zog Eisner mit seinen Anhängern weiter zu den Kasernen, wo sich ihnen die Soldaten massenweise anschlossen. Es war eine völlig unblutige Revolution. Noch in der Nacht zum 8. November formierten sich die Arbeiter-, Soldaten und Bauernräte.

Eisner (vordere Reihe, Mitte) Januar 1919 auf dem Weg zum Landtag, zusammen mit seiner Frau Else (links neben ihm) und seinem Schwiegersohn und Minister für soziale Fürsorge Hans Unterleitner (rechts neben ihm) © Wikipedia

Und Eisner rief den noch heute so genannten Freistaat aus!

Genau. Als deren Vorsitzender rief Kurt Eisner den Volksstaat Bayern aus, der dann in einer offiziellen Proklamation als Freistaat bezeichnet wurde. Wo geschah diese erste Versammlung? Nun, wir sind in Bayern, natürlich in einem Bierkeller, dem Mathäserkeller. Kurt Eisner war also der Begründer des Freistaats Bayern, auch wenn lange Zeit in Bayern nicht daran erinnert werden wollte, dass ein Jude, ein Preuße und ein Sozialist der Begründer des modernen Bayern wurde.

Jubelnde Soldaten am 8. November 1918 in München nach der Ausrufung des Freistaats Bayern © Wikipedia

Was war die grundlegende Idee der Räterepublik, und wie unterschied sie sich sowohl von einer parlamentarischen Demokratie als auch vom bolschewistischen Modell?

Eisner war zwar von den Räten als Ministerpräsident proklamiert worden, war aber selbst ein Anhänger der parlamentarischen Demokratie. Das wird bis heute oft vergessen. Er selbst rief kurz nach Amtsantritt Parlamentswahlen aus. Als seine Partei, die USPD, bei den Landtagswahlen im Januar 1919 nur 2,5% der Stimmen erhielt, wollte er von seinem Amt zurücktreten. Seine Rücktrittserklärung in der Jackentasche, wurde er auf dem Weg zum Landtag am 21. Februar 1919 erschossen. Erst nach seinem Tod wurden im April 1919 zwei sehr kurzlebige Räterepubliken ausgerufen, an deren Spitze wiederum einige, nun radikalere und oftmals wiederum jüdische, Repräsentanten standen, darunter Schriftsteller wie Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller. Ihre Idee war die einer direkten Demokratie, die von den Arbeiter-, Bauern, und Soldatenräten ausgehen sollte. Nachdem diese erste Räterepublik schon nach einer Woche niedergeschlagen wurde, riefen Kommunisten um Eugen Leviné eine zweite, nun tatsächlich radikale, Räterepublik aus, die die Nähe zu Moskau suchte und von rechten Kräften am 1. Mai blutig aufgelöst wurde. Der Pazifist Gustav Landauer wurde brutal ermordet, Leviné wenig später hingerichtet.

Heute wird der Begriff »Freistaat Bayern« meist mit konservativer Selbstbehauptung gegenüber Berlin verbunden. Wie war Bayerns Haltung damals gegenüber Preußen und dessen Kriegspolitik? Wie wurde Eisners Ernennung aufgenommen?

Man vergisst heute oft, dass vor dem Krieg München die liberale Stadt war und das preußische Berlin als konservativ galt. Dies änderte sich dann nach dem Krieg. Aber München hatte eine lange liberale Tradition, während das bayerische Land schon immer als besonders konservativ galt. Aber auch da gab es antikonservative Strömungen. Einer der politischen Verbündeten Eisners war der blinde Bauernführer Ludwig Gandorfer, der allerdings schon im November 1918 bei einem Autounfall ums Leben kam.

© LBI NY | Berlin
Nachricht über die Ermordung Eisners © LBI NY | Berlin

Welche seiner politischen Ziele konnte er dann umsetzen, und was blieb davon bestehen?

Eisner war kein radikaler Revolutionär, er beließ den Staatsapparat mit seinen Beamten im Amt und führte sofort Reformen durch, die auch unserem heutigen Verständnis des Sozialstaats entsprechen. Er führte den Acht-Stunden-Tag für Arbeiter und das Frauenwahlrecht ein. Zudem wollte er die Kriegsschuld Kaiser Wilhelms aufzeigen, was ihm viele Feinde einbrachte.

Leider wurde er dann von reaktionären Kräften ermordet. Wie reagierte die Öffentlichkeit darauf?

Es ist eine gewisse Ironie, dass der Eisner-Mörder Graf Anton von Arco zwar väterlicherseits aus einem alten bayerisch-österreichischen Adelsgeschlecht stammte, aber seine Mutter Emmy von Oppenheim jüdischer Herkunft war. Deswegen wurde dem jungen Grafen die Mitgliedschaft in der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft verwehrt. Durch seine Tat wollte Arco sich auch Anerkennung in diesen Kreisen verschaffen. Auch wenn Eisners Partei nur wenige Stimmen erhalten hatte, er war beim Volk doch beliebt und die Anteilnahme an seiner Beerdigung war riesig. Ein kilometerlanger Trauerzug mit Hunderttausend Bürgerinnen und Bürgern aus ganz Bayern marschierte durch die Stadt. In seiner Trauerrede sprach Gustav Landauer die Worte, »Kurt Eisner, der Jude, war ein Prophet…« Es war das erste und wohl auch letzte Mal in der deutschen Geschichte, dass ein jüdischer Minister die Trauerrede für einen jüdischen Ministerpräsidenten hielt.

Da einige führende Akteure der Revolution jüdisch waren, viele jüdische Bürgerinnen und Bürger die revolutionäre Politik jedoch ablehnten – ist es in diesem Kontext gerechtfertigt, von einer »jüdischen Revolution« zu sprechen?

Nein, man muss unterscheiden zwischen einer Revolution, deren Protagonisten großteils jüdischer Herkunft waren und einer Revolution, die sie als Juden gemacht hätten. Ihre jüdische Herkunft spielte für sie als Politiker keine Rolle. Die jüdische Gemeinde in München wusste das sehr wohl. Ihre führenden Köpfe distanzierten sich öffentlich von den jüdischen Revolutionären. Sie fürchteten zurecht, dass im Falle eines Scheiterns der Revolution »die Juden« verantwortlich gemacht würden, so wie es der Moskauer Oberrabbiner ausgedrückt hatte: »Die Trotzkis machen die Revolution und die Bronsteins [Trotzkis eigentlicher Name] zahlen den Preis dafür.« Ich fand im Nachlass Eisners einige Briefe von bayerischen Juden, die Eisner zum Rücktritt aufforderten, da ein jüdischer Ministerpräsident nur den Antisemitismus befördern würde. Eisner nahm sich sogar die Zeit, auf einige dieser Briefe persönlich zu antworten und schrieb, er könne nun wirklich nicht auf solche Bedenken Rücksicht nehmen, er müsse das größere Staatswohl im Auge behalten. Am Ende zahlte er selbst den Preis für seinen Optimismus – wie einige Jahre später Walther Rathenau.

Viele der jüdischen Protagonisten, darunter auch Eisner, waren gänzlich unreligiös. Lässt sich dennoch von einer säkular-messianischen Tradition sprechen, die Einfluss auf ihre linken Ideale hatte – oder ist das bloß eine romantisierende Projektion?

Auch wenn diese jüdischen Revolutionäre – im Gegensatz zu Trotzki in Russland oder Rosa Luxemburg in Berlin – ihr Judentum keineswegs versteckten, waren sie weder Mitglieder der jüdischen Gemeinde noch im religiösen Sinne aktiv. Dennoch spielte diese säkularisierte Version des Messianismus bei manchen von ihnen zumindest im Unterbewusstsein eine Rolle. Bei wenigen ist das Bekenntnis zum Judentum so klar wie bei Gustav Landauer, der sich auch für die zionistische Idee interessierte. Aber auch Eisner sagte sinngemäß, dass er das Judentum niemals verlassen würde, solange es eine verfolgte Gemeinschaft sei. Also eine Art Solidargemeinschaft.

Was blieb heute von dieser kurzen, aber intensiven Zeit?

Eisner wurde zunächst von der konservativen Politik Bayerns während der Weimarer Republik als Sozialist negativ dargestellt, dann von den Nationalsozialisten völlig diskreditiert. Hitler selbst hat in Mein Kampf das Kapitel seiner Wirkungszeit in München ab dem November 1918 als den »Beginn meiner politischen Tätigkeit« bezeichnet und den direkten Zusammenhang zwischen dem, was er als »Judenherrschaft« betrachtete und seinem politischen Erwachen hergestellt. Die sterblichen Überreste Eisners und Landauers wurden dann 1933 auf den Jüdischen Friedhof in München umgebettet, wo sich noch heute ihre Gräber befinden.

Hat sich seine Darstellung nach dem 1945 geändert?

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war das Erbe Eisners noch diskreditiert, sein »eigentlicher« Name wird noch in modernen Geschichsbüchern gelegentlich als »Salomon Kosmanowsky« angegeben – eine reine antisemitische Erfindung. Das Luxushotel Bayerischer Hof weigerte sich noch Ende der 1980er Jahre, eine Gedenktafel für Eisner an der Stelle seiner Ermordung anzubringen, so dass es dort eine Bodenplatte gibt.

Erst der langjährige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude begann damit, Eisners Namen für die Stadt München wieder salonfähig zu machen. Seitdem wurden zwei Denkmäler eingeweiht, über deren künstlerischen Wert man freilich streiten kann. Und der Freistaat Bayern tut sich weiterhin schwer damit, seinen Gründer anzuerkennen. Beim Staatsakt zum hundertsten Geburtstag des Freistaats erwähnte Ministerpräsident Markus Söder den Gründer des modernen Bayern mit keinem Wort. Seinen Frieden müssen die in Bayern Regierenden also mit Kurt Eisner weiterhin noch schließen.

Und was kann man von Kurt Eisner lernen?

Man könnte von ihm durchaus einiges lernen. Z.B. wie man friedlich Revolution macht, wie man einen modernen Sozialstaat begründet, und wie man Kultur und Politik miteinander verbinden kann.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.

Ministerpräsident Kurt Eisner während der Fahrt zur Reichskanzlei anläßlich der Reichskonferenz der Bundesdeutschen Regierung in Berlin, 22. November 1918. Rudolf Sennecke, © Wiki.
Ministerpräsident Kurt Eisner während der Fahrt zur Reichskanzlei anläßlich der Reichskonferenz der Bundesdeutschen Regierung in Berlin, 22. November 1918. Rudolf Sennecke, © Wiki.