Die Konferenz »Baeck Home«, die anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Leo Baeck Institutes im Van Leer Jerusalem Institute stattfand, widmete sich dem vielschichtigen Begriff des Zuhause im deutsch-jüdischen Kontext. Ausgangspunkt war die Frage, was »Home« angesichts von Migration, Vertreibung, kultureller Zugehörigkeit, Erinnerung und Rückkehr bedeutet – historisch betrachtet und zugleich vor dem Hintergrund aktueller politischer und gesellschaftlicher Umbrüche.
Am ersten Konferenztag stand das Zuhause als ökonomische, politische und moralische Kategorie im Mittelpunkt. Beiträge thematisierten die erzwungene Aufgabe jüdischer Existenzen in Deutschland und die Möglichkeiten, »Home« unter Bedingungen von Vertreibung neu zu denken. Besonders eindrücklich zeigte Dr. Joachim Trezib, wie jüdisches Vermögen im Nationalsozialismus in Güter umgewandelt wurde, die in Palästina nicht selten in ein tatsächliches Haus mündeten – ein materielles Zuhause als Resultat eines zutiefst gewaltsamen Prozesses. Ergänzt wurde diese historische Perspektive durch gegenwartsbezogene Überlegungen zur Demokratie: der deutsche Theologe Stephan Anpalagan betonte, dass Heimat immer auch Verantwortung bedeute und aktiv verteidigt werden müsse, gerade dort, wo Freiheit und Zusammenhalt unter Druck geraten.

Der zweite Tag richtete den Blick auf das kulturelle und soziale Zuhause als Ort der Begegnung und des Austauschs. In ihrem Vortrag führte Emily Bilski in das Haus von Felicie und Carl Bernstein ein, das weit über einen privaten Wohnraum hinausging. Der Bernstein-Salon war ein kulturelles Zentrum der Moderne, ein Treffpunkt für Künstler:innen und Intellektuelle, die von der dortigen Atmosphäre inspiriert wurden und diese Impulse in die deutsche Kunst- und Kulturgeschichte trugen. »Home« erschien hier als produktiver Raum, in dem Ideen entstehen und gesellschaftliche Entwicklungen angestoßen werden.
Der dritte und letzte Tag widmete sich Fragen von Rückkehr, Zerstörung und Erinnerung. Im abschließenden Panel, moderiert von Prof. Aya Elyada, wurden literarische, historische und philosophische Zugänge miteinander verbunden. Dr. Michal Peles-Almagor analysierte das Werk der Dichterin Mascha Kaléko und zeigte, wie sich Bedeutungen von Zuhause zwischen geschriebenem Text und gesprochener Stimme verschieben. Prof. Gideon Reuveni beleuchtete die deutsch-jüdischen Reparationsdebatten der 1950er-Jahre aus der Perspektive von Golda Meir, Hannah Arendt und Leah Goldberg und machte deutlich, wie aktuell Fragen nach Vergebung und symbolischer Wiedergutmachung bis heute geblieben sind. Prof. Benjamin Pollock schließlich zeigte, wie Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer Bibelübersetzung bewusst das deutsche Wort »Heim« einsetzten, um Zugehörigkeit und emotionale Bindung sprachlich hervorzuheben – nicht nur im Kontext von Rückkehr, sondern auch dort, wo es um Vergeltung und Verlust geht.

Man kann schlussendlich sagen, dass »Home« kein statischer Ort ist, sondern ein fragiles Geflecht aus Erinnerung, Zugehörigkeit und Hoffnung. Vor dem Hintergrund aktueller Vertreibungen und Zerstörungen in Israel und Gaza erhielt diese Auseinandersetzung eine besondere Dringlichkeit: Das Zuhause erscheint zugleich als Schutzraum, als verlorener Ort und als etwas, das in Sprache, Kultur und Erinnerung weiterlebt.