Efraim Frisch (1873–1942) war ein Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift Der Neue Merkur, die zwischen 1914 und 1925 ein Forum für liberale, internationale und demokratische Stimmen bot. Aufgewachsen in einer orthodoxen Familie im galizischen Brody, wandte er sich früh säkularen Studien und der Literatur zu, ohne seine religiösen Wurzeln völlig aufzugeben. Er bewegte sich im Umfeld von Persönlichkeiten wie Martin Buber, Heinrich Mann und Christian Morgenstern und wurde von seiner Frau, der Übersetzerin Fega Frisch, intellektuell eng begleitet. In seinen Essays verband er humanistische Ideale mit scharfer Kritik an Nationalismus und Antisemitismus – lange bevor diese in der deutschen Gesellschaft Mehrheitsmeinung wurden.
Dr. Stephan Bauer ist studierter Politikwissenschaftler und arbeitete nach seinem Studium der Staats- und Sozialwissenschaften in München zwischen 2017 und 2023 an der Universität Potsdam. 2024 veröffentlichte er seine Dissertation unter dem Titel »Efraim Frisch und Albrecht Mendelssohn Bartholdy. Stationen und Kontexte einer intellektuellen Doppelbiografie (1900–1939)«. Beruflich ist er seit Abschluss der Promotion als Referent am Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) in Berlin tätig. Die wissenschaftliche Arbeit begleitet ihn weiterhin mit großer Freude – heute allerdings vor allem als persönliche Leidenschaft.
Lutz Vössing sprach mit dem Dr. Stephan Bauer über den zu Unrecht fast vergessenen Intellektuellen.
Sie sind studierter Politikwissenschaftler und promoviert in Neuerer Deutscher Geschichte. Wie kam es, dass Sie sich mit der Biografie des Schriftstellers, Verlegers und Theaterkritikers Efraim Frisch beschäftigten?
Bei den Recherchen zu einem ursprünglich anders konzipierten Dissertationsprojekt über den Juristen Albrecht Mendelssohn Bartholdy und die Publizistik deutschsprachiger liberaler Internationalisten der Zwischenkriegszeit stieß ich auf diese eine Begegnung, von der ich den Eindruck hatte, dass sie einen entscheidenden Einfluss gehabt hatte. Das war die Begegnung mit dem Zeitschriftenherausgeber (Der Neue Merkur) und Essayisten Efraim Frisch. Für die Dissertation hatte dies zur Folge, dass aus der Intellectual History und Einzelbiografie eine Doppelbiografie wurde. Die intensive Beschäftigung mit dem Nachlass Frischs ließ darüber hinaus aber auch den Gedanken reifen, dass sich diese – heute weitestgehend in Vergessenheit geratene – Lebensgeschichte einer ‚zentralen Randfigur‘ nicht in einer intellektuellen Biografie erschöpft. An einer dieser anderen Möglichkeiten, das Leben Frischs zu überliefern, arbeite ich im Moment.
Frisch kommt aus einer orthodox-jüdischen Familie, schmiss seine Ausbildung zum Rabbiner und begann dann ein Studium der Rechtswissenschaft und Philosophie. Wie kam das?
Er besuchte – wie Jahre später auch Joseph Roth – das deutschsprachige Kronprinz-Rudolf-Realgymnasium in Brody und war – ausgewählt wohl aufgrund seiner sehr guten Sprachkenntnisse – die ‚deutsche Stimme‘ der Studentengruppe Zion in Lwiw. Dass er in Wien nicht das Rabbinerseminar besuchte – was der Vater, ein erfolgreicher Händler, erwartete –, sondern sich an der juristischen Fakultät immatrikulierte, mag seinen Ursprung darin haben, dass sich schon 15-Jährig, wie Frisch selbst einmal schrieb, »Neigung und Anlage freieren und weltlichen Studien« zugewandt hatten (zu diesem Zeitpunkt war er allerdings auch Teil der Ivriya-Theatergruppe in Brody gewesen). Was Frisch nun so interessant macht, ist, dass diese Neigung keineswegs zu einem Bruch mit der traditionellen Erziehung führte, sondern er zeit seines Lebens an einem Versuch arbeitete, beides in eine weiterführende Synthese zu überführen.

Was brachte ihn um die Jahrhundertwende dann zum (fiktionalen) Schreiben und Erzählen?
Wohl zuallererst das kreative Milieu um den Berliner S. Fischer Verlag, in dem Frisch 1901 seinen Roman Das Verlöbnis publizierte. Heute würde man diesen Roman als autofiktionalen Roman bezeichnen, der den Ausbruch eines sensiblen Jungen aus dem als erdrückend empfundenen ländlich-jüdischen Milieu des polnischen Teils Galiziens thematisiert.
Wer waren seine ersten Weggefährt:innen und Einflüsse?
Die, die er selbst nannte, waren Micha Josef Berdyczewski – der Märchen- und Legendensammler – und Moritz Heimann – der eminente Lektor im S. Fischer Verlag. Dazu trat als fördernder Freund und Mentor Christian Morgenstern und im Umkreis der Donnerstagsgesellschaft in Berlin bald auch Martin Buber. Mit ihm und Heimann plante Frisch schon in den 1900er Jahren eine Neuübersetzung der Heiligen Schrift – also ein paar Jahre vor der Buber-Rosenzweig-Übertragung. Was mir aber auch wichtig erscheint und von vielleicht größerem Einfluss war: das war die Begegnung mit der in Grodno geborenen Fega Lifschitz, Efraim Frischs späterer Ehefrau, eine der großen deutschen Übersetzerinnen aus dem Russischen. Aufgrund der Konventionen der Zeit – gerade auch der, die bestimmten, wie über die Ehe gesprochen werden durfte – lässt sich hier vieles nur vermuten. Doch Efraim Frisch als Kritiker russischer Literatur, als Lektor, als Zeitschriftengründer und -herausgeber, ja, auch als Autor, ist ohne Fega Frisch nicht denkbar.


Was lässt sich über die beiden sagen?
Ich bin mit meiner Sammlung und Auswertung der Quellen, die diesbezüglich Aussagen treffen, noch nicht zu einem Abschluss gekommen (wenn das überhaupt möglich ist). Mein Eindruck ist, dass sie eine sehr glückliche, erfüllte und intellektuell anregende Beziehung führten, in der beide gleichberechtigt ihren geistigen Leidenschaften – bei Efraim Frisch eher die Produktion, bei Fega Frisch die Übersetzung – nachgehen konnten. Ihre Nichte Bella Schlesinger, die eine große Rolle in der jüdischen Wohlfahrtspflege der 1930er Jahre spielte, war für das kinderlose Ehepaar eine Art Tochter. Und dann waren da einige enge Freundschaften, die Fega und Efraim Frisch als Ehepaar pflegten. Beide waren sehr ernst, tiefsinnig und gefragte Gesprächspartner, z.B. für Thomas Mann, was man in dessen Tagebüchern belegt findet. Arthur Schnitzler träumte von Efraim Frisch – der im Traum die Funktion des ‚schlechten Gewissens‘ einnahm. Es gibt aber auch Berichte von Zeitgenossen wie dem Historiker Alfred Vagts, der im Rückblick konstatierte, dass Efraim und Fega Frisch schon im München der 20er Jahren – wo das Verlagslokal des Neuen Merkur beheimatet war – eine »craven fear« vor dem deutschen Antisemitismus gehabt und sich daher gesellschaftlich eher zurückgezogen hätten.


Efraim Frisch »vor und nach der Beschneidung«, gezeichnet vom Fotografen, Grafiker und Karikaturisten Hermann Landshoff © LBI NY | Berlin
Sie erwähnten bereits Frischs Rolle als Herausgeber des Neuen Merkur. In welchem Kontext erschien die Zeitschrift? Welchen Arbeitsauftrag gaben sich die Herausgeber?
Zunächst: es war die Zeitschrift Efraim Frischs, die einmal zwischen Frühjahr (!) 1914 und Frühjahr 1916 erschien, deren Erscheinen dann aufgrund Einberufung Frischs in den Kriegsdienst unterbrochen werden musste, und die dann noch einmal von Jahresbeginn 1919 an bis September 1925 erschien. Nur zwischen 1919 und 1921 gab es mit Wilhelm Hausenstein einen zweiten Herausgeber. Und Frisch ging es immer darum, ein Modernist Magazine zu publizieren, das den internationalen Vergleich, z.B. zur Nouvelle Revue Française, nicht scheuen muss.
Vor dem Ersten Weltkrieg kann die Gründung des Neuen Merkur als Initiative in einem Prozess ‚fortschreitender Demokratisierung‘ des späten Kaiserreiches verstanden werden (man sprach etwas ‚staatstragend‘ von einer »Vergeistigung des öffentlichen Lebens«). Dabei knüpfte Efraim Frisch publizistisch an eine spezifisch Münchner Traditionslinie an, die stark mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich verbunden war, also dem Geburtsmoment der modernen Intellektuellen. Während des Weltkriegs ging es Frisch um eine kritisch-intellektuelle Durchdringung der Kriegsursachen, eher abwägend-reflexiv als in die lärmende Kriegspublizistik einsteigend. In diesen Jahren schärfte sich auch das der Sozialdemokratie zugewandte Profil der Zeitschrift. Ab 1919 galt es dann, hoffnungsfreudig einer »geistigen Sammlung und Erneuerung« zu dienen. Es sollte mit dem Neuen Merkur (als Teil einer internationalen ‚Zeitschriftencommunity‘) in humanistischer Tradition der »europäische Gedanke« lebendig gehalten werden und dafür gesorgt werden, dass die »Demokratie Kristallisationspunkt aller geistigen Energien« werde. Wobei es dem Neuen Merkur abseits von intellektueller Befassung tatsächlich nie so recht gelingen wollte, hierfür »anschauliche, knappe, stichworthafte Begriffe, Parolen, Programme [und] Bekenntnisse« zu prägen, von denen der Mitarbeiter Otto Flake einmal programmatisch gesprochen hatte.
Welche Begegnungen waren im Rahmen der Arbeit als Herausgeber für Frisch von besonderer Bedeutung?
Ein Zeitschriftenherausgeber gibt immer ein Angebot ab, sagte einmal der Mitarbeiter in der Redaktion Der Neue Merkur Franz Schönberner. Nun war es Frisch aber nicht möglich, monetär ein so großzügiges Angebot abzugeben wie z.B. Die neue Rundschau aus dem S. Fischer Verlag. Dieser Umstand schränkte den Kreis der Mitarbeiter und deren ,Loyalität‘ immer etwas ein. Zeitgenössisch lässt sich zwischen einem Kreis engerer Mitarbeiter, auf den der Herausgeber Frisch immer setzen konnte, und einem »imaginären Kreis« unterscheiden – Mitarbeiter, auf die Frisch hoffte, um die er warb und die in seiner Wahrnehmung den ,Charakter‘ der Zeitschrift prägten, auch wenn sie vielleicht nur einmal einen Aufsatz beigetragen hatten. Moritz Heimann und Erich (von) Kahler gehörten in diese Gruppe. Dann gibt es den Kreis der Mitarbeiter, der sich in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit einem abgeschlossenen Zeitschriftenprojekt erfassen lässt. Zu dieser Gruppe gehören Personen, die in der gesamten Zeit des Erscheinens sehr intensiv mit dem Projekt Der Neue Merkur verbunden waren – zum Teil auch in der Form, dass sie eigene (Zeit-)Schriftenprojekte oder gar ein Forschungsinstitut im Umkreis von Frischs Gründung realisierten. Es handelt sich um den zeitweiligen Mitherausgeber Wilhelm Hausenstein, den liberalen Internationalisten und Leiter des Hamburger Instituts für Auswärtige Politik Albrecht Mendelssohn Bartholdy, den Weltreisenden Alfons Paquet, den Schriftsteller Arnold Ulitz, den Essayisten und europäischen Denker Ferdinand Lion, Alfred Döblin und – jedes Modernist Magazine hat seinen Dichter – um Klabund (Alfred Henschke). Insgesamt arbeiteten an den ca. 825 Beiträgen, die in den 88 Heften des Neuen Merkurs erschienen, übrigens 340 Autoren – und 10 Autorinnen.
Efraim Frisch wirkte seinerseits prägend auf spätere Zeitschriftenherausgeber wie Willy Haas (Die literarische Welt) oder Stefan Grossmann (Das Tage-Buch). Und dann gab es noch die intelligibel prägenden ‚Begegnungen‘ – im Positiven z.B. mit André Gide und im Negativen mit Oswald Spengler.

Weiß man noch von anderen Begegnungen mit Persönlichkeiten aus der Literatur und Kunst?
Der Literaturwissenschaftler Guy Stern, der 2023 im stolzen Alter von 101 Jahren verstarb, hat die literarischen Beiträge in einem Buch mit dem Titel »Konstellationen. Die besten Erzählungen aus dem Neuen Merkur 1914–25« gesammelt. Man stößt da neben anderen auf die Namen von Alfred Döblin, Robert Walser, Leo Perutz, Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Regina Ullmann, Robert Musil und Franz Kafka. Zu erwähnen ist noch, dass der erste Fortsetzungsroman, der im Neuen Merkur von 1914 gedruckt wurde, Jakob Wassermanns »Das Gänsemännchen« gewesen war. Dieser Roman verhalf Wassermann zum Durchbruch als Schriftsteller. Der Neue Merkur war auch Publikationsort für Frank Wedekinds kritisches Bismarck-Drama, das während des Krieges von Wortführern einer Verständigungsdiplomatie aus dem Umkreis der Deutschen Gesellschaft 1914 geschätzt wurde. Dem international vernetzten Herausgeber Efraim Frisch gelang es zudem, Maxim Gorkis »Erinnerungen an Leo N. Tolstoi« erstmals in Deutschland zu publizieren. Aus Frankreich wäre Marcel Proust bereit gewesen, »Fragmente« im Verlag des Neuen Merkur zu veröffentlichen, aber solange gab es den das Zeitschriftenprojekt begleitenden Kleinstverlag Der Neue Merkur nicht (nur in den Jahren 1919 und 1920). Das Feld der Kunstgeschichte und -kritik ließ Frisch, der ein Cousin des Galeristen J. B. Neumann war, durch Wilhelm Hausenstein und Julius Meier-Graefe bearbeiten.
Rückblickend – welche Bedeutung hatte der Neue Merkur für die Zeit vor und zu Beginn der Weimarer Republik?
Der Neue Merkur Efraim Frischs sollte – hier wiederholte sich die Geste des Zeitschriftenentrepreneurs Christoph Martin Wieland – der Versuch einer Zeitschriftengründung vom Format eines Mercure de France (respektive der Nouvelle Revue Française) in Deutschland sein. Als solches Projekt fügte sich Frischs Zeitschrift – was sich für uns an den Referenzen und Bezugnahmen nachvollziehen lässt – in ein europäisch-transatlantisches Geflecht von kleinen Zeitschriften (den Modernist Magazines) ein. Damit ist ein medialer Kommunikationsraum des frühen 20. Jahrhunderts gemeint, der für die internationalen Gesellschaftsbeziehungen während des Ersten Weltkrieges und in den Gründungsjahren der Weimarer Republik relevant wurde, indem über ihn das neue, das ‚andere Deutschland‘ wahrgenommen werden oder überhaupt in Worte gefasst werden konnte – was durchaus auch politisch und wirtschaftlich relevant war. Insofern liegt die Bedeutung des Neuen Merkur darin, dass er ein Mosaikstein in der deutschen Demokratiegeschichte der liberal-internationalistischen Epoche ist (auf Deutschlands »langem Weg nach Westen«), Frisch als Herausgeber also eine jener ‚zentralen Randfiguren‘ ist, die die Erinnerungskultur bislang nicht erfasst hat. In seiner Zeit – und das hat Albrecht Mendelssohn Bartholdy 1933 in bittere Worte gefasst – war der Neue Merkur (wie auch die damit verbundenen Projekte Mendelssohn Bartholdys) allerdings eine Täuschung gewesen, eine Täuschung der »Einzelnen«, der »Wenigen« – über die »Menge«.

Wurde der Merkur auch außerhalb Deutschlands (so) wahrgenommen?
Hier werden wir durch weitere und bessere Digitalisierungsprojekte im Bereich der (kleinen) Zeitschriften(forschung) hoffentlich bald in der Lage sein können, Bezugnahmen noch besser nachvollziehen können, überhaupt evidenzbasierte Aussagen treffen zu können und (transnationale, mitunter auch globale) Zirkulation nachvollziehen zu können. Was den Neuen Merkur anbelangt: 1922 würdigte die Nouvelle Revue Française die Initiative Frischs und stellte heraus, dass die Zeitschrift geeignet sei, in einer Zeit »permanenter Metamorphosen« Orientierung anzubieten und Bewährtes lebendig zu halten. Besser hätte man Frischs Absicht nicht treffen können. Es waren während des Ersten Weltkrieges vornehmlich ‚like minded‘ Zeitschriften in England, Frankreich, der Schweiz und Italien, die auf Inhalte des Neuen Merkur aufmerksam machten und Kurzzusammenfassungen seiner Beiträge erstellten. In den Geburtsjahren der modernen Konferenzdiplomatie war der Neue Merkur mitunter Transportmedium für Texte liberaler Wissenschaftler und Politiker aus Deutschland, die ihn beim Zusammentreffen mit Kollegen aus dem Ausland weitergaben und verschenkten.
Mit dem Publikationsort München war der Neue Merkur allerdings auch ein eher lokales Phänomen – und vielleicht liegt seine Bedeutung weniger darin, dass er auch im Ausland auf Resonanz stieß, sondern darin, dass er eine deutsche Leserschaft auf die Interdependenzen der globalisierten Welt des frühen 20. Jahrhunderts aufmerksam machte. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man bedenkt, dass Frisch ab 1919 neben dem Neuen Merkur und mit Freunden – wie z.B. Paul Marc, dem Bruder Franz Marcs – eine wöchentliche Presseschau mit Übersetzungen von zentralen Beiträgen aus dutzenden ausländischen Zeitungen und Zeitschriften initiiert hatte: die Auslandspost im Verlag Der Neue Merkur. Auch eine solche Aufklärungsarbeit scheint mir aus liberal-internationalistischer respektive demokratiegeschichtlicher Perspektive relevant zu sein.
Wie ist letztlich Frischs Lebenswerk politisch einzuordnen und zu bewerten?
Wenn man als ‚Lebenswerk‘ Frischs die Herausgabe des Neuen Merkur, seine engagierte (spätere) Essayistik und die Verlagstätigkeit verstehen möchte, so zählt er mit zur in den 1920er Jahren im Entstehen begriffenen »Intellektuellenschicht«, die einfach zur – zeitgenössisch Gustav Radbruch – »Soziologie der Demokratien« gehört (auch die Umkehrung ist richtig: es ist ein Merkmal nicht-demokratischer Staaten, diese Schicht ‚zum Schweigen bringen‘ zu wollen). Efraim Frisch fühlte sich der Republik verpflichtet, erkannte früh in den reaktionären Kräften und dem im Entstehen begriffenen Faschismus eine Gefahr für die europäischen Demokratien – er nahm hierbei die Rolle des Mahners wahr. Er machte sich Gedanken über Mechanismen, wie sie später im internationalen Menschenrechtsschutz als »Responsibility to Protect« besprochen wurden; d.h. er bewertete die Unverletzbarkeit des Individuums höher als die staatliche Souveränität. Das mag auch damit zusammengehangen haben, dass er als 1873 in polnischen Teil Galiziens geborener Jude Erfahrungen mit Gewaltkontexten sammeln musste und dadurch auch hellhörig war für den Umgang, den die deutsche Mehrheitsgesellschaft gegenüber der jüdischen Minderheit ‚pflegte‘.
In diesem Bezug ist sein zentraler Essay »Jüdische Aufzeichnungen« von 1921 zu erwähnen – und hinzuweisen, dass in Frischs Denken die Ressource eines jüdischen (moralischen) Universalismus eine bestimmende Rolle spielte, die in seinem Verständnis jedoch noch nicht zur Entfaltung gebracht werden konnte. Staatliche Strukturen waren für ihn Machtgebilde, die nur eine bestimmte, ‚mindere‘ Form von Loyalität verlangen durften. Am Beispiel der französischen Kultur (»in königlichen, bürgerlichen und Revolutionszeiten gewachsen«) ließ Frisch eine Form kultureller Assimilation zu – was er als eine »andere Form Bevölkerungszuwachs« zum biologisch verstandenen der 1930er Jahre ins Spiel führte. Das individuelle Ich fasste Frisch einmal als »politisch-national-religiös-kulturell« – womit ein Hinweis gegeben wäre, dass es eine Sphäre des Lebens gibt, die für politisch-kulturelle Assimilation/Akkulturation unerreichbar bleiben sollte.
Wie stand er, der ja in der Studentengruppe Zion aktiv war, zu Fragen wie „Assimilation“, Zionismus und dem jüdisch-deutschen Leben generell?
Als er Sprecher der Studentengruppe Zion gewesen war, war es dieser in »politischer, materieller, geistiger und ethischer Hinsicht« zunächst um Reform im »Innern der jüdischen Gemeinden« in Galizien gegangen. Und das scheint mir seinen Standpunkt gegenüber dem Zionismus auch im Lebensverlauf gut zu umschreiben. Es lässt sich keine tiefere Auseinandersetzung oder überhaupt Engagement für den Zionismus erkennen – weil Frisch auch religiös von einem anderen Standpunkt aus argumentierte. Kurz zum deutsch-jüdischen Leben: hier deckt sich Frischs zeitgenössische Einschätzung mit der Aussage Gershom Scholems, dass es nie ein deutsch-jüdisches Gespräch gegeben hätte, weil hierzu die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht bereit gewesen wäre, es an – wieder Frisch – »Liebe« (auch: »Menschenliebe«) als voraussetzungsloser ‚Voraussetzung‘ für eine Begegnung auf Augenhöhe gefehlt habe.

Wofür steht die historische Person Frisch letztlich? Albrecht Mendelssohn Bartholdy hat seinem Lebenswerk schon einen gewissen tragischen attestiert…
Ja, Albrecht Mendelssohn Bartholdy sah die Leistung jener Gruppe von Menschen, zu der auch Efraim Frisch gehörte, am Ende ihrer Schaffenszeit in Deutschland tragisch. Sie hatten sich als ohnmächtig erwiesen, dem ‚anderen Deutschland‘ zum Triumph zu verhelfen, und auch Frisch litt bis zu seinem Tod 1942 im Exil an der Entwicklung, den die deutsche Gesellschaft genommen hatte. Nicht, dass sie effektiv daran etwas hätten ändern können. Gleichwohl sehe ich den Efraim Frisch, der jahrelang (ohne Angst »vor einem Leben in Armut«) hoffnungsfreudig und leidenschaftlich für dieses in seiner Zeit ‚andere Deutschland‘ eintrat – und der uns deshalb heute so nahe ist. Die historische Figur Efraim Frisch steht für den persönlichen Einsatz in politisch unsicheren Zeiten und für den Optimismus, dass das in der Aufklärung erschlossene Ideal eines demokratischen Republikanismus und universeller und gleicher Rechte für alle Menschen siegreich sein wird.
Ich sehe zugleich den im Schweizer Exil arbeitenden Efraim Frisch (mit seiner Ehefrau Fega), der sich im produktiven Sinn auf sein Judentum ‚besinnt‘ und die Arbeit an einem »großen Roman über die Juden« aufnimmt. Frisch ist einer der letzten Vertreter jenes aschkenasischen Judentums gewesen, dessen Potenzial – wenn wir einem Fingerzeig Frischs folgen wollen – nicht zu Entfaltung gelangen konnte. Es gibt da noch einiges an Überlieferungsarbeit zu unternehmen und vieles, was wir, und da meine ich jede nachgeborene Generation aufs Neue, uns immer wieder vergegenwärtigen sollten – um nicht zu vergessen, wie Michael Brenner sagt, was zerstört wurde.
Text: Lutz Vössing
Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.