Sally Bein – Sonderpädagoge und Humanist

Sally Bein © Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland

Sally Bein (1881–1942) war langjähriger Leiter und Lehrer der Israelitischen Erziehungsanstalt in Beelitz bei Berlin, einer Einrichtung für Kinder mit geistigen oder körperlichen Behinderungen. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Schule zu einer angesehenen heilpädagogischen Institution, die Förderung, Bildung und handwerkliche Ausbildung verband. 1942 wurde er zusammen mit seiner Frau und den verbliebenen Schülern nach Sobibor deportiert und ermordet.

Tatjana Matanya Ruge arbeitet als Assistentin an einer jüdischen Privatschule in Berlin. Seit 2009 erforscht sie gemeinsam mit ihrem Partner, Ronny M. Dotan, die Geschichte der Israelitischen Erziehungsanstalt in Beelitz. Zusammen mit Andreas Paetz legte sie im Verlag Hentrich & Hentrich eine Miniaturpublikation über die Anstalt und ihren Direktor Sally Bein vor. Darüber hinaus realisierten Ruge und Dotan die Übersiedlung eines in der Shoah verwendeten Bahnwaggons nach Netanja/Israel, wo er heute als Erinnerungsort dient.

Lutz Vössing sprach mit Tatjana Ruge und Ronny M. Dotan über die Geschichte des frühen Beispiels in der Arbeit für Inklusion.

Wie stießen Sie auf die Geschichte von Sally Bein?

Da müssen wir etwas ausholen…Eines Tages rief mich mein Mann Ronny aus Israel an und kündigte an, dass er mir ein Foto eines Stolpersteins schicken würde. Ich solle ihm sagen, was die Inschrift bedeutet.
Ich bekam das Foto und war wie paralysiert über den letzten Absatz der Inschrift auf dem Stein: »Ermordet 22.11.1940 Aktion T4«. Ich fragte ihn, für wen der Stolperstein sei, und er erklärte, dass es der Stolperstein für den Onkel seines Freundes Ronny Hahn sei. Daraufhin fragte ich ihn, woher er das Foto habe und ob der Onkel von Ronny Hahn behindert gewesen sei. »Warum soll der Onkel von Ronny Hahn behindert gewesen sein?« fragte er mich zurück. Er versprach, ihn danach zu fragen.

Sally Bein © Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland

Später stellte sich heraus, dass Hahns Bruder in den USA zufällig einer Familie begegnet war, die bei ihrem Besuch in Deutschland an der Stolpersteinlegung dieses Steins teilgenommen hatte. Diese Familie zeigte dem Bruder von Ronny Hahn das Foto, woraufhin er ziemlich schockiert sagte, dass der Name auf dem Stein der Name des Bruders seiner Mutter sein müsse – also der Name seines Onkels.

Und dann begannen Sie, zu recherchieren…

Genau. Und da mir die Gedenkstätte in Bernburg erklärte, dass es Akten zu Euthanasieopfern, wenn überhaupt, nur im Bundesarchiv gäbe, habe ich mich dorthin gewandt. Im Archiv arbeitet ein sehr guter Freund, der mir nach einigen Tagen mitgeteilt hat, dass es eine Akte von Hans Freimann gibt. Und nach einigen Tagen trafen wir uns und er hatte die Kopie der Akte dabei. Die Akte von Hans Freimann enthielt nur einige Seiten und war seine die Aufnahmeakte in der Landesheilanstalt Uchtspringe, seiner letzten Lebensstation. Das Erste, was mir sofort ins Auge fiel, war neben dem Foto von Hans Freimann der Eintrag unter der Rubrik »Patient kommt«. Dort stand: Jüdisches Erziehungsheim Beelitz“.

Wenn man in Berlin lebt, ist einem der Ort Beelitz wegen des Spargels bekannt und manchen noch wegen der historischen Heilstätten…

Ja! Das war einer der Orte, die ich sehr oft mit meinen Eltern auf Fahrradtouren besucht habe, denn ich bin in Potsdam aufgewachsen. Natürlich hatte ich keine Ahnung über Juden in Beelitz, geschweige denn ein Jüdisches Erziehungsheim und schon gar nicht ein jüdisches Erziehungsheim für behinderte jüdische Kinder. Und so begannen unsere Recherchen über Sally Bein.

Woher stammt Sally Bein? Weiß man etwas darüber, wie er aufwuchs?

Sally Bein wurde als Samuel Bein am 6. November 1881 in Hohensalza (heue Inowrazlaw/Polen) geboren. Sein Vater war Schneider, die Mutter Hausfrau. Sally hatte einen älteren Bruder, Karl. Sehr viel mehr ist über die Jugendjahre von Sally nicht bekannt.

Bein mit Kindern © Wikipedia

Er wurde ja mit nur 26 Jahren Leiter der Israelitischen Erziehungsanstalt in Beelitz. Was waren die Stationen dahin?

Nach Beendigung der Schule 1902 begann er sein Studium als Volksschul- und Taubstummenlehrer an der Jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin, das er 1906 abschloss. Danach arbeitete er als Lehrer in der Israelitischen Taubstummenanstalt von Dr. Max Reich in Berlin-Weißensee.

Was ist über seine Frau Rebeka bekannt? Wie war ihre Zusammenarbeit? Was lernten sie voneinander?

Es gibt so gut wie keine Information. Das Einzige, was wir wissen, ist, dass seine Frau Rebeka ebenfalls eine ausgebildete Lehrerin war. Die beiden heirateten, weil die Stelle es erforderlich machte, dass der Direktor der Israelitischen Erziehungsanstalt in Beelitz verheiratet war. In der Folgezeit ist von Rebekka Bein immer wieder die Rede in den Dokumenten. Sie hat ihn sehr unterstützt. Unter anderem war sie für den gesamten Haushalt verantwortlich und leitete das Hauspersonal an. Sie war der gute Geist des Hauses und wenn Not am Mann war, unterrichtete sie auch.

Rebeka Bein © Privatbesitz der Familie Helischkowski-Helisch-Ur, Tel Aviv/Israel

Gab es eine gemeinsame Vision für die Schule?

Man muss ganz klar sagen, dass Sally Bein nicht nur der Direktor, sondern das geistige Oberhaupt dieser Institution war. Alles, was in dieser Schule geschah, ging durch seine Hände. Sicherlich hat er die Kraft auch von seiner Frau und Familie geschöpft.

Gab es ein Konzept für den Unterricht? Wie sah der aus?
Das Konzept für den Unterricht und die gesamte Schule entwickelte Sally Bein. Dieses wurde vom Erziehungsministerium des Landes Preußen abgenommen und immer wieder überprüft. Und es war genial einfach. Er schaute sich jeden Schüler, der in seine Anstalt eintreten sollte, genau an und ermittelte den Kenntnisstand des Kindes. Somit war es ihm möglich, das Kind nicht seinem Alter, sondern seinen Kenntnissen entsprechend in eine bestimmte Klasse einzuordnen. Sally Bein hatte sehr strenge Aufnahmekriterien, was die Gesundheit betraf. Er nahm nur Schüler auf, die bildungsfähig waren. Er wollte keine Pflegeanstalt sein. Beispielsweise entfernte er Kinder mit Epilepsie, wenn die Eltern das bei der Aufnahme verschwiegen, aus seiner Anstalt. Diese Eingruppierung von Kindern nach Kenntnisstand ermöglichte es ihm, Kinder auf gleicher Ebene zu unterrichten und gegebenenfalls bei Verbesserungen zu versetzen. Sobald er einschätzte, dass die Kinder »ausgebildet« waren, d.h. keine Zunahme an Wissen oder Fertigkeiten mehr erfolgte, beließ er sie nicht länger in der Anstalt.

© Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland

Was waren es für Kinder, die das Heim besuchen konnten?

Das waren Kinder aus den unterschiedlichsten Familien und mit sehr unterschiedlichen Graden von Behinderung. Es gab welche die aus sehr reichen Familien kamen, deren Eltern bzw. Väter unbedingt wollten, dass die Kinder die Geschäfte ihrer Eltern weiterführen sollten und bei denen die Eltern bemerkten, dass die Kinder einfach nicht das Potenzial haben, dass von Ihnen erwartet wurde. Es gab aber auch Kinder aus sehr armen Verhältnissen. Man muss ja auch bedenken, dass bei den reichen Familien die Eltern um Aufnahme warben, bei den Armen sich jedoch das Sozialamt oder Rabbiner um eine Aufnahme bemühten, um den Kindern eine Perspektive zu geben. Der Grat zwischen behindert und nicht behindert war sehr schmal. Ist ein Kind mit einem Augenfehler behindert? Ist ein Kind, das frech ist, behindert? Natürlich gab es Kinder, bei denen auch Erziehungsschwierigkeiten vorlagen, denen die Eltern nicht gewachsen waren. Die heute mit ADHS diagnostizierten Kinder galten damals als behindert.

© Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland

In welchen Bereichen fanden sie Anstellung?

Da die Kinder eine große Anzahl an verschiedenen, handwerklichen Tätigkeiten im Haus lernten, worauf Sally Bein sehr großen Wert legte, da es ihnen eine zusätzliche Lebensperspektive eröffnen sollte, wurden sie besonders in diese Tätigkeiten auch später vermittelt. D.h. Jungen als Tischler, Schneider, Buchbinder. Die Mädchen als Hausangestellte, Schneiderin und Ähnliches.

Schüler beim Werkunterricht © Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland

Wie war die Außenwirkung der Einrichtung?

Sally Bein genoss in Beelitz einen sehr guten Ruf. Sowohl die Stadt als auch alle Einrichtungen arbeiteten gut mit ihm zusammen. Bei Schwierigkeiten in der Lebensmittelversorgung wandte er sich mit Erfolg stets an Großbauern in und um Beelitz, um Lebensmittel zu bekommen.
Außerdem sprachen sich seine Methoden herum, Kinder aus verschiedenen Landesteilen kam nach Beelitz. Ihm wurden mitunter Wunderkräfte zugesprochen, beispielsweise wollten Eltern, deren Söhne behindert waren, dass Sally Bein sie so weit ausbilden sollte, dass sie eine Fabrik oder eine Kanzlei übernehmen können. Dies war teilweise sehr illusorisch von Seiten der Eltern. Über den Träger, den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund sprachen sich seine Fähigkeiten und Methoden natürlich auch im Ausland herum. Teilweise kamen Interessierte aus Asien und natürlich aus Palästina, um seine Methoden zu studieren.

Welche Bedeutung hatte die Einrichtung und die Arbeit Sally Beins ihrer Einschätzung nach für den DIG und die Arbeit mit Behinderten in Deutschland? Welchen Einfluss hatte er?

Die Israelitische Erziehungsanstalt in Beelitz war für den Deutsch-Israelitischen Gemeindebund nur eine Einrichtung von vielen. Jedoch waren diese Einrichtungen und besonders die Leiter und Pädagogen Pioniere der Erziehungswissenschaften. Sally Bein legte mit seiner Arbeit in Beelitz einen Grundstein für die Erziehung, die wir heute als Inklusionsmodell und heilpädagogische Erziehung bezeichnen. In jedem Fall fußte dieses Erziehungsmodell auf einem der Hauptgebote des Judentums: Niemanden zurückzulassen und sich um die Schwächsten und Ärmsten zu kümmern. Sally Bein war der Leiter und das Herz und die Seele der Institution in Beelitz und hat selbst mit den Kindern gearbeitet. Er hatte jedoch nicht die Zeit, kluge, wissenschaftliche Abhandlungen zu schreiben, wie es zum Beispiel einem Janusz Korczak möglich war, der mit dem täglichen Leben in seinem Haus nicht stark belastet war.

Gibt es Erzählungen ehemaliger Schüler:innen und Weggefährtinnen über die Schule und das Ehepaar Bein?

Der Hauptteil unserer Recherchen widmete sich den Namen der Kinder, die im Laufe der Zeit diese Anstalt besuchten. Und mein großer Wunsch war es, jemanden zu finden, der überlebt hatte und über seine Zeit in Beelitz erzählen konnte. Leider blieb dieser Wunsch unerfüllt. Es gibt so gut wie keine Erzählungen von ehemaligen Schülern oder Weggefährten.
Die Anzahl der so genannten Zeitzeugen ist minimal. Es gibt kleine Auszüge aus Briefen eines Lehrers über Sally Bein und seine Zeit in Beelitz. Das Einzige, was bleibt, sind Archivdokumente.

Das Haus heute © Wiki

Was kann man aus den Archivdokumenten noch erfahren?

Uns war es stets wichtig, zu erfahren, wer die Kinder waren, die die Einrichtung besuchten. Durch die Archivdokumente haben wir die Namen von circa 400 Kindern zusammengetragen, die im Laufe der Zeit die Einrichtung besuchten. Für uns hat persönlich die Arbeit im Archiv dazu beigetragen, ein noch stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Haus zu bekommen. Wenn man stundenlang vor den Fichgeräten im Archiv sitzt, kann man förmlich das Lachen der Kinder, deren Trappeln im Treppenhaus und die sonoren Stimmen der Lehrer hören.

Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.

Sally Bein © Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland
Sally Bein © Arthur Feiner-Privatbesitz Dagmar Drovs, Billerbeck/Deutschland