Sidonie Werner – Pionierin sozialer Arbeit, Stern der Frauenbewegung

Sidonie Werner. Foto: Wikimedia

Sidonie Werner (1860–1932) war Pädagogin, Sozialreformerin und Mitbegründerin des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland. Sie engagierte sich früh für die Rechte von Frauen und Mädchen, kämpfte gegen Antisemitismus und setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein. Mit zahlreichen Initiativen in der Wohlfahrtspflege und Mädchenbildung prägte sie die Entwicklung der sozialen Arbeit im frühen 20. Jahrhundert maßgeblich mit. Unter ihrer Führung entstanden mehrere Einrichtungen, darunter Mädchenheime und Kinderheime, die vor allem benachteiligten jüdischen Familien zugutekamen. Ihr enormer Einsatz für die Bildung und den Schutz von Frauen macht sie zu einer wichtigen Persönlichkeit der Frauenbewegung.

Prof. Dr. Sabine Toppe ist Professorin für Geschichte, Theorie und Propädeutik der Sozialen Arbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Ihre Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen in der Sozialgeschichte, der Geschlechterforschung sowie der historischen Entwicklung der Sozialen Arbeit. Nach dem Studium der Geschichte und Pädagogik war sie unter anderem an der Universität Oldenburg tätig. Ab 2010 hatte sie eine Professur für Pädagogik der Kindheit an der Fachhochschule Kiel inne, bevor sie an die ASH Berlin wechselte. Sie publiziert regelmäßig zu Themen wie Geschlecht und Gewalt, Polizeigeschichte, Gender und Migration sowie zur Rolle jüdischer Frauen in der sozialen Arbeit.

Lutz Vössing sprach mit Prof. Dr. Toppe über das nachhaltige Engagement in der Wohlfahrt Sidonie Werners.

Wie sind Sie auf Sidonie aufmerksam geworden?
Ausgehend von meinem Interesse an jüdischer Frauengeschichte habe ich mich intensiv mit dem Jüdischen Frauenbund und seinen Protagonistinnen beschäftigt. Dabei ist mir Sidonie Werner als herausragende Persönlichkeit innerhalb der jüdischen Frauenbewegung und der Professionalisierungsgeschichte Sozialer Arbeit sowie der Frauengeschichte überhaupt begegnet.

Was hat Sie an ihr beeindruckt?
Sie hat mich durch die Vielschichtigkeit und Intensität ihres Engagements beeindruckt. Ich bedauere sehr, dass im Unterschied zu ihren Kolleginnen wie Berta Pappenheim oder Henriette May eher wenig über sie bekannt ist.

Aus was für einer Familie stammt sie?
Sidonie Werner wurde am 16. März 1860 in Posen geboren, als Tochter kulturell und sozial engagierter, dabei auch streng religiöser jüdischer Eltern. Ihr Vater war ein angesehener Geschäftsmann und Talmud-Gelehrter. Theater- und Konzertbesuche, Literaturabende und Reisen bestimmten das Familienleben.

Wie sahen dann ihre Ausbildung und weitere Karriere aus?
Die Familie war Teil des gebildeten Bürgertums, und Sidonie Werner gelang es – entgegen des traditionellen jüdischen Frauenbildes –, durchzusetzen, dass sie eine Ausbildung absolvieren und einen Beruf ergreifen durfte. 1883 legte sie nach dem Besuch der höheren Töchterschule das Lehrerinnenexamen ab, 1892 absolvierte sie das Schulleiterinnenexamen. Dieses hätte ihr erlaubt, Schulleiterin an einer mittleren oder höheren privaten Mädchenschule zu werden. Trotz dieser Qualifikation wurde sie 1897 jedoch nur als Volksschullehrerin in Altona und Hamburg eingestellt.

Für Sidonie Werner, aus dem gebildeten Bürgertum und gleichzeitig aus einer streng religiösen Familie stammend, war eine gute Berufsausbildung wichtig – als Grundstein für mehr Geschlechtergerechtigkeit und eine Besserstellung der Frau in der Gesellschaft. Sie arbeitete ihr Leben lang als Volksschullehrerin und blieb ledig. Als Sozialpolitikerin engagierte sie sich für die Berufsausbildung von Mädchen und baute – beispielhaft genannt – Heime für die Ausbildung und Arbeit jüdischer Mädchen und Frauen sowie Haushaltungsschulen auf.

Sidonie Werner © E. Bieber / Ariadne
Sidonie Werner © E. Bieber / Ariadne

Werner gehörte zu den Gründerinnen des Israelitisch-humanitären Frauenvereins. Was war das für ein Verein? In welchem (historischen) Zusammenhang entstand er?
Der 1893 gegründete Israelitisch-humanitäre Frauenverein (IHF) – dessen zweite Vorsitzende Sidonie Werner bis 1908 war, anschließend hatte sie bis zu ihrem Tod 1932 die Funktion der ersten Vorsitzenden inne – kann als eine der ersten modernen sozialen Frauenorganisationen in Hamburg mit einer explizit jüdischen Zielgruppe bezeichnet werden. Der Verein engagierte sich frauen- wie sozialpolitisch und setzte in seiner Arbeit klare Schwerpunkte auf die Förderung von Frauenbildung, Frauenberufstätigkeit und sozialer Frauenarbeit. Damit schloss er sich den Hauptzielen der bürgerlichen Frauenbewegung im Kaiserreich an.

Der IHF stand einerseits in der jüdischen Tradition der Wohlfahrt, arbeitete andererseits nach modernen Methoden einer sich professionalisierenden Sozialen Arbeit. Sidonie Werner setzte sich als Frauenrechtlerin und Vorsitzende gezielt für eine qualifizierte Berufsausbildung von Frauen ein – nicht zuletzt im Sinne der Professionalisierung sozialer Frauenarbeit –, um den Wirkungskreis von Frauen über rein karitative Tätigkeiten hinaus zu erweitern. Zugelassen als ordentliche Mitglieder waren nur Frauen; der Verein wurde dadurch zu einem geschützten Diskussions- und Organisationsraum für Jüdinnen. Da die Höhe des Mitgliedsbeitrags selbst festgelegt werden konnte, war die Mitgliedschaft auch für weniger wohlhabende Frauen zugänglich.

Sidonie Werner, Doodle-Illustration von Lihie Jacob © Google
Sidonie Werner, Doodle-Illustration von Lihie Jacob © Google

Wie sah die Arbeit des Vereins konkret aus?
Der IHF wollte jüdischen Frauen Möglichkeiten eröffnen, ökonomisch unabhängig zu werden, und stellte damit dem bürgerlichen Frauenideal der Gattin, Hausfrau und Mutter alternative, selbstbestimmte Lebenswege entgegen. Unter Werners Vorsitz entstanden zahlreiche soziale Projekte: Arbeitsvermittlungsstellen für Frauen, das Israelitische Mädchenheim in Hamburg, Einrichtungen der Säuglingsfürsorge, ein Kindererholungsheim in Bad Segeberg, Kinderheime in Hamburg und Haushaltungsschulen. Weitere Themen waren Frauenrechte in der jüdischen Gemeinde und der internationale Mädchenhandel. Sidonie Werner verfasste für den Verein die erste Flugschrift zum Frauenwahlrecht.

Gemeinsam mit Berta Pappenheim gründete sie den Jüdischen Frauenbund. Wofür stand der Bund?
»Jüdisch-Sein, Frau-Sein, Bund-Sein« – diese Formulierung brachte 1929 auf einer Jubiläumstagung das Selbstverständnis des Jüdischen Frauenbundes (JFB) auf den Punkt. 1904 von Bertha Pappenheim und Sidonie Werner gegründet, verfolgte der JFB das Ziel, jüdische Frauenvereine und Einzelpersonen zusammenzubringen. In der Satzung wurden u. a. genannt: Förderung der Erziehung, Erwerbsmöglichkeiten für jüdische Mädchen und Frauen, Bekämpfung des Mädchenhandels, Stärkung des jüdischen Gemeinschaftsgefühls und Kampf gegen Antisemitismus.

In welchem Kontext ist ihr Wirken zu sehen?
Der JFB war Teil der bürgerlichen Frauenbewegung, strebte eine Synthese aus jüdischer Identität und weiblicher Emanzipation an und bewegte sich im Spannungsfeld von Gemeindebindung und gesellschaftlicher Teilhabe. Besonders problematisch war das traditionelle Ideal der nicht arbeitenden jüdischen Ehefrau, gegen das sich der JFB langsam, aber beständig stellte. Einige engagierte Frauen setzten sich auch für die Öffnung universitärer und akademischer Berufe ein.

Welche Einrichtungen schuf Werner im Zuge ihrer Arbeit für den JFB?
Sie gründete 1909 ein Heim für berufstätige Frauen in Hamburg, initiierte Lehrerinnengruppen des JFB und engagierte sich im Kampf gegen Mädchenhandel. Gemeinsam mit Pappenheim unterstützte sie u. a. ein Heim in Neu-Isenburg. Weitere Einrichtungen: ein Mädchenwohnheim in Berlin, ein Kinderheim in Wyk auf Föhr, ein Erholungsheim in Lehnitz sowie das erste Altersheim des Berliner Verbandes. 1926 gründete Werner den Norddeutschen Landesverband des JFB und 1929 organisierte sie den Weltkongress jüdischer Frauen in Hamburg.

Wie war der Bezug zu anderen jüdischen Vereinigungen?
Werners Engagement war breit vernetzt. Sie war unter anderem im Vorstand der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden, des Hamburger Jüdischen Schulvereins und in der Vereinigung für das Liberale Judentum tätig.

Wie stand der BDF zum Jüdischen Frauenbund?
Der BDF betrachtete konfessionelle Frauenbünde mit Skepsis und erwähnte den JFB bei dessen Gründung nicht. 1907 wurde der JFB dennoch als erster solcher Verband Mitglied, Pappenheim saß zehn Jahre im Vorstand. Der JFB verband jüdische Tradition mit Frauenrechten – was in der jüdischen Gemeindearbeit bis dahin selten thematisiert wurde.

Jüdischer Frauenbund als Baum © LBI New York
Jüdischer Frauenbund
© LBI New York

Inwiefern war der Wohlfahrtsgedanke der Frauen in ihrer Religion verankert?

Eine besondere Rolle spielten hier die Felder Armenfürsorge und Wohltätigkeit. Wohltätigkeit hat in der jüdischen Religion einen hohen Stellenwert und eine lange Tradition. Bedeutsam ist hier die jüdische Sozialethik, in welcher der Aspekt der Gerechtigkeit, der ‚Zedakah‘, im Vordergrund steht. Für viele jüdische Mädchen und Frauen war soziales Engagement der Weg, um sich aus enger Häuslichkeit zu befreien. Als Lehrerinnen waren sie gesellschaftlich unerwünscht, solange sie nicht zum Christentum konvertierten, und die konfessionelle Krankenpflege blieb ihnen verschlossen.

In der Weimarer Republik engagierte sich Sidonie Werner politisch bei der SPD.
Zunächst kandidierte sie 1919 erfolglos für die DDP. Danach trat sie in die SPD ein. Zwar ist wenig über ihre konkrete Parteiarbeit bekannt, sicher belegt ist jedoch ihr internationales Engagement, insbesondere mit der Organisation der „World Conference of Jewish Women“ 1929 in Hamburg.

Was hatte diese Konferenz zum Ziel?

Die zweite Weltkonferenz jüdischer Frauen (WCJW), organisiert vom Internationalen Rat der Jüdischen Frauen (ICJW), fand vom 3. bis 6. Juni 1929 in Hamburg statt. Sie versammelte 300 Delegierte aus 14 Ländern und knüpfte an die erste Weltkonferenz jüdischer Frauen im Jahr 1923 in Wien an. Ein zentrales Ziel der Konferenz in Hamburg war die Gründung einer weltweiten Organisation jüdischer Frauen, wobei die Demonstration internationaler Solidarität als besonders wichtig erachtet wurde. Diskutiert wurden religiöse, soziale, politische und bildungspolitische Fragen aus internationaler Perspektive, insbesondere die Folgen des Ersten Weltkriegs und deren Auswirkungen auf jüdische Gemeinden, vor allem in Osteuropa. Weitere Schwerpunkte waren die Themen Flucht, Pogrome und Verfolgung sowie der Zionismus als mögliche Antwort auf diese Herausforderungen.

Welchen Einfluss hatte der JFB und wie ist seine Arbeit heute einzuordnen?
Er war ein bedeutender Akteur der jüdischen Frauenbewegung, verband Bildung, Berufsförderung, Antisemitismusbekämpfung und Wohlfahrtsarbeit – national wie international. Der JFB zeigte, wie jüdische Frauen ihre gesellschaftliche Teilhabe aktiv gestalteten.

Was geschah mit dem JFB in der NS-Zeit und danach?
1938 wurde der Bund verboten. 1953 erfolgte die Neugründung in der BRD. Heute hat der JFB andere Schwerpunkte: Soziale Unterstützung, Betreuung älterer Menschen und Integration von Emigrant:innen aus der ehemaligen Sowjetunion. Er ist in 33 Ortsgruppen aktiv und gehört dem International Council of Jewish Women an.

Was macht Sidonie Werner für Sie noch heute so interessant?
Ihr lebenslanges Engagement für Mädchen- und Frauenbildung, Berufstätigkeit, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit – verbunden mit religiösem Selbstverständnis und praktischer Arbeit. Sie war eine außergewöhnlich aktive Frau mit klarem politischem und sozialem Kompass, deren Wirken bis heute beeindruckt.

Text: Lutz Vössing

Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.

Sidonie Werner. Foto: Wikimedia
Sidonie Werner. Foto: Wikimedia