Leo Baeck Institut New York | Berlin
Interview und Text:
Ticha Matting, Berlin 2026
Vom Reuters-Korrespondenten zum Hüter der weltweit größten Sammlung deutsch-jüdischer Geschichte: Dr. Markus Krah erzählt im Porträt, warum er das New Yorker Archiv des Leo Baeck Instituts als »Gedächtnisraum« und »Testlabor« zugleich versteht – und welches Objekt aus der Sammlung ihn besonders bewegt.
Im Gespräch mit Dr. Markus Krah fällt häufig das Wort Verantwor-
tung. Als er im Jahr 2022 die Leitung des Leo Baeck Instituts in New
York übernahm, trat er in eine Tradition der Bewahrung jüdischen
Erbes ein, die von Martin Buber, Robert Welsch und anderen jüdi-
schen Exilanten geprägt wurde. Sie gründeten das Institut in der
Hoffnung, dass zumindest fragmentarische Zeugnisse einer unter-
brochenen Geschichte bewahrt werden könnten. Für Krah ist diese
Geschichte nicht nur ein Erbe, sondern ein Auftrag: deutschspra-
chig-jüdische Lebensgeschichten so zu bewahren, dass sie auch
kommenden Generationen zugänglich und relevant bleiben. Krah
versucht zu vermeiden, von sich zu sprechen, und bevorzugt es, die
Arbeit des Leo Baeck Instituts (LBI) in den Mittelpunkt zu stellen.
Markus Krah wurde 1968 in Hannover geboren. Er studierte 1989 bis
1995 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, zwi-
schendurch ein Jahr an der American University in Washington DC
und promovierte am Jewish Theological Seminary in New York im
Fach Modern Jewish Studies. Das Thema seiner Dissertation bilde-
te die Grundlage für seine Monografie American Jewry and the Re-
Invention of the East European Jewish Past (DeGruyter, 2019).
Vorübergehend lebte er wieder in Deutschland und lehrte an der Uni-
versität Potsdam Jüdische Religions- und Geistesgeschichte. Im
Jahr 2021 wurde er zur Unterstützung seiner Forschungen zu
Salman Schocken mit dem Gerald Westheimer Fellowship des LBI
ausgezeichnet. Schockens Verlage im Berlin der 1930er-Jahre und
ab 1945 in New York waren wichtige Akteure des kulturellen und in-
tellektuellen jüdischen Lebens in Deutschland und den USA. Bevor
Krah sich der Wissenschaft und dem LBI verschrieb, arbeitete er über
ein Jahrzehnt lang als Journalist, unter anderem als Chefkorrespon-
dent des deutschsprachigen Dienstes im Berliner Büro von Reuters.
Die Leitung des New Yorker Standortes übernahm er im Oktober
2022 als Nachfolger von Dr. William H. Weitzer. Er zog dafür mit
seiner Frau und seinen beiden Kindern in die USA. Das Institut be-
findet sich an der 16th Street in Manhattan im Center for Jewish
History, einem Gebäudekomplex, der fünf bedeutende jüdische In-
stitutionen unter einem Dach vereint. Das LBI ist eines davon und
beherbergt heute die weltweit größte Sammlung zur Geschichte
und Kultur der deutschsprachigen Juden und Jüdinnen. Am New
Yorker Standort des Leo Baeck Instituts befinden sich unzählige
Archivmaterialien und Quellen.
Seit der Gründung im Jahr 1955 sammeln und verdichten sich hier
die persönlichen Schicksale deutschsprachiger Juden und Jüdin-
nen, die vor dem Faschismus ins amerikanische Exil flüchteten,
aber auch derjenigen, die nicht überlebten und deren Nachlässe
und Dokumente gerettet werden konnten. Die Sammlung enthält
auch wichtige Dokumente zur deutsch-jüdischen Einwanderung in
die USA im 19. Jahrhundert sowie die umfassendste Bibliothek zur
deutschsprachigen jüdischen Geschichte.
Schätzungen zufolge umfasst die Sammlung über 100.000 Bücher,
mehr als 14.000 Archivsammlungen, was ca. 1.500 laufende Meter
entspricht. Mehr als 25.000 einzeln erfasste Fotografien und 4.000
Objekte des Alltags sowie religiöse Artefakte, eine Kunstsammlung,
die mehr als 4.000 Gemälde und Drucke umfasst, sowie mehr als
1.000 Berichte von Zeitzeug:innen und mehr als 5.000 Memoiren
und Manuskripte gehören dazu. Darüber hinaus existiert eine stetig
wachsende DIGITALE SAMMLUNG, in der bereits über fünf Millio-
nen Dokumente zugänglich sind. Es ist eine Spezialsammlung, die
sowohl Fragen an den Umgang mit der Shoah stellt als auch an die
Zukunft und danach, wie die Erfahrungen und Geschichten des
jüdischen Überlebens relevant vermittelt werden können. Eine
Dependance des New Yorker LBI befindet sich in Berlin unter der
Leitung von Dr. Miriam Bistrovic, die die Sammlungstätigkeit in
New York mit Programmen in Deutschland ergänzt.
Verantwortung bedeutet für Krah, auch das Fundraising des Insti-
tuts zu übernehmen, welches über 80 Prozent der Finanzierung der
Arbeit des LBI New York | Berlin ausmacht. Darüber hinaus koordi-
niert Krah ein Team von rund 20 Mitarbeitenden allein in New York.
Zu seinem täglichen Geschäft gehören komplexe Abstimmungs-
prozesse mit Partnerinstitutionen und Entscheidungen darüber,
welche Geschichten in Ausstellungen, Veranstaltungen und For-
schungsprojekten sichtbar werden sollen.
Neben der Verantwortung, die das LBI als Sammlung für die
Bewahrung und Vermittlung deutschsprachiger jüdischer Ge-
schichte übernimmt, sucht Krah heute den Kontakt mit Nachfah-
ren, die sich aktiv mit der Geschichte ihrer Heimatorte, vornehmlich
in Deutschland, auseinandersetzen. Es sind Nachkommen von
Shoah-Überlebenden, die die Geschichtsschreibung und die Erin-
nerungen dort fordern und sich gleichzeitig mit der gegenwärtigen
Situation dort auseinandersetzen. Indem sie zum Beispiel den Kon-
takt suchen zu den Bürgermeistern und das Erinnern an ihre Vor-
fahren und deren Verfolgung anstoßen. Es seien diese konkreten
Versuche, ein Bewusstsein für die Geschichte vor dem Bruch des
Holocausts zu schaffen und trotzdem danach weiterzumachen, die
Krah in seiner Arbeit beeindrucken.
Das Leo Baeck Institut versteht Krah zuerst als sozialhistorisches
Archiv. Der Fokus der Sammlungen liegt damit weniger auf den gro-
ßen Intellektuellen als auf vielen persönlichen Geschichten und all-
täglichen Erfahrungen im Laufe der Geschichte. Es sind Neben-
sächlichkeiten, die zu Hauptquellen werden: Tortenheber und
Kochbücher, Zeugnisse und Briefe, Porträts und Pässe, gesammel-
te Alltagsgegenstände, die in ihrer Summe Aufschluss über jü-
disch-deutsche Lebenswelten geben können.
Dabei betrachtet Markus Krah die Sammlung sowohl als einen Ge-
dächtnisraum als auch als ein Testlabor. Gedächtnis, »weil persön-
liche Erinnerung schwindet, je weiter wir uns historisch entfernen«.
Testlabor, »weil jede Generation neue Fragen stellt und daraus an-
dere Deutungen entstehen. Was heute als marginal gilt, kann mor-
gen an Bedeutung gewinnen.« Krah betont, dass Archive in diesem
Sinne nicht neutral seien, da sie nicht nur bewahren, sondern auch
den Blick auf die Gegenwart formen und verändern. Sie strukturie-
ren vor, was wie erzählbar bleibt.
»Geschichte hat ihren Wert an sich. Geschichte muss keinem Zweck dienen. Und die Bewahrung der Erinnerung auch nicht. Was man im Anschluss damit macht, ist der nächste Schritt.« – Dr. Markus Krah
Dr. Markus Krah
Krah bewegt sich in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Span-
nungen, in der Archive stärker als politische Räume angerufen wer-
den. Die Kürzungen von wissenschaftlichen Förderungen in den
USA sind ein Beispiel dieser kulturpolitischen Entwicklungen.
Gleichzeitig steigt auch in den USA der Antisemitismus und wirft
Debatten über den Umgang und die Vermittlung jüdischer Ge-
schichte auf – insbesondere in Zeiten wachsender kriegerischer
Auseinandersetzungen im Nahen und Mittleren Osten.
Unter den Mitarbeitenden des LBI spielt das Verhältnis zur Ge-
genwart immer wieder eine Rolle. Dabei arbeitet das LBI klar mit
historischem Bezug und agiert nicht tagespolitisch. Dennoch gibt
es seitens Krahs und seiner Mitarbeitenden Bemühungen, aktuelle
Debatten im Programm abzubilden und zu adressieren. Es gebe
Fragen, so Krah, in denen es innerhalb des Instituts keinen Dissens
gebe – etwa bei der Ablehnung von Geschichtsverfälschung und
Antisemitismus. Schwieriger sei die Frage, wie sehr das Institut auf
aktuelle Ereignisse eingehen solle oder sich als historisches Institut
zurückhalte. Als Beispiel für einen Mittelweg nennt er Formate im
Programm, in denen historische Dokumente präsentiert und ein
Forum für Diskussionen geboten werden, ob sich daraus Parallelen
zur aktuellen Situation aufzeigen lassen. Er stellt dabei deutlich he-
raus: »Als Institution sind wir nicht neutral. Aber wir sind einem
breiten Meinungsspektrum verpflichtet, weil wir dieser Tradition
des deutschen Judentums verpflichtet sind.« Hierbei bezieht sich
Krah auf den Gründungsgedanken des Leo Baeck Instituts, welches
für liberale Werte steht wie Demokratie und Toleranz, was auch ein-
schließt, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die einem selbst
ferner sind.
Auf die Frage, welche Gegenstände im Archiv ihn besonders berüh-
ren, erwähnt er die Eisernen Kreuze aus dem Ersten Weltkrieg, die
für besonders tapfere Soldaten vergeben wurden. »Auch wenn wir
ziemlich viele haben, weil damals sehr viele an jüdische Soldaten
vergeben wurden. Und weil diese Auszeichnungen enorm wichtig
waren. Für die, die sie bekommen haben, und für ihre Familien – auf
tragische, praktische Art und Weise.« Die, die sie erhalten haben,
hatten gedacht, »ein Eisernes Kreuz sei ein Versicherungsschein
gegen Ausgrenzung und gegen Verfolgung 20 Jahre später. Was
sich leider nicht bewahrheitet hat.« Gleichzeitig würden die Abzei-
chen ein »Spannungsfeld beleuchten zwischen einem deutschen
Patriotismus, für den es bis zum späten 19. bis frühen 20. Jahrhun-
dert [für Juden und Jüdinnen] keinen Raum gab, und ihrer Aus-
grenzung durch einen exklusiven, später mörderischen Nationalis-
mus.« Damit stehe das Eiserne Kreuz auch »für all die Brüche und
Widersprüche. Dass jemand, der mit einem Eisernen Kreuz aus dem
Ersten Weltkrieg ausgezeichnet wurde, trotzdem wenig später de-
portiert und ermordet werden konnte.« Interessant sei dabei auch,
dass die Nachfahren, welche Besitztümer mitnehmen und retten
konnten, genau diese Eisernen Kreuze aufgehoben haben und dem
LBI anbieten würden.
Im Oktober 2026 veranstaltet das LBI in New York eine Konferenz,
bei der es um die Rolle von rechten Ideen, Institutionen und Bewe-
gungen innerhalb der deutsch-jüdischen Geschichte gehen wird
und um jüdische Reaktionen auf solche Bewegungen.
Für Krah ist die Arbeit des Leo Baeck Instituts mit der Frage ver-
bunden, welche Rolle Geschichte für eine Gesellschaft spielt. Die
Sammlungen des LBI erzählen von Zugehörigkeit und Ausschluss,
von Rechten und ihrem Verlust, von Brüchen und Neuanfängen –
Erfahrungen, die weit über die deutsch-jüdische Geschichte hin-
ausreichen und für das Nachdenken über Demokratie von großer
Relevanz sind. Indem das Institut seiner Hauptaufgabe nachkommt,
diese Quellen zu bewahren und zugänglich zu machen, schafft es
einen Ort, an dem historische Komplexität gegen Vereinfachung
verteidigt wird.
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