Das Leo Baeck Institute – New York | Berlin ist aktuell auf der Suche nach Vorträgen, die auf der Konferenz 2026 im Center for Jewish History, New York vom 25.–27. Oktober 2026 gehalten werden.
Einreichungsfrist: 15. März 2026
Das Leo Baeck Institute – New York I Berlin (LBI), eines der bedeutendsten Archive und Bibliotheken zur Geschichte und Kultur deutschsprachiger Jüdinnen und Juden, richtet vom 25. bis 27. Oktober 2026 eine wissenschaftliche Konferenz in New York aus. Angeregt nicht zuletzt durch den aktuellen politischen Moment untersucht die Konferenz das Thema der (deutschsprachigen) Juden und der politischen, kulturellen und intellektuellen Rechten, insbesondere seit dem 19. Jahrhundert.
Zwischen Revolution und Reaktion:
Deutschsprachige Juden und die Ideen, Politiken und Kulturen der Rechten
Sowohl das populäre Verständnis als auch dominante historiographische Narrative neigen dazu, deutsche Juden und Jüdinnen mit den modernen Kräften des „Fortschritts“, der „Demokratie“ oder des „Liberalismus“ zu verbinden. In diesen Erzählungen erscheinen Juden und Jüdinnen als Begründer:innen, politische Unterstützer:innen oder soziale Basis von Bewegungen und Ideen, die gemeinhin der linken Hälfte des ideologischen Spektrums zugeordnet werden. Sie wurden – nicht ohne Grund – als natürliche Freunde oder Nutznießer politischer Umwälzungen dargestellt, die es ihnen ermöglichten, jüdische Emanzipation und soziale Gleichstellung mit universelleren demokratischen Forderungen zu verknüpfen – von den Revolutionen von 1789 und 1848 bis 1917/18. Diese Narrative hatten selbst erhebliche, oft tragische Konsequenzen für deutschsprachige Juden und Jüdinnen, da die reale oder imaginierte überproportionale Rolle von Juden und Jüdinnen in linker und liberaler Politik die Haltung anderer politischer Akteure und Ideologen gegenüber Juden beeinflusste.
Lücken in der Forschung
Obwohl zahlreiche historische Studien die Nuancen untersucht haben, die von einem liberalen Bild der Juden und Jüdinnen als Vorreiter:innen des Fortschritts nicht erfasst werden, bleibt weiterhin viel zu tun, um die gesamte Breite jüdischen politischen Bewusstseins und Handelns zu verstehen. Dies gilt besonders für jüdische politische Engagements, die „Tradition“, „Ordnung“ oder „Konservatismus“ – also Schlüsselwerte der Rechten – in den Mittelpunkt stellten. Deutschsprachige Juden und Jüdinnen unterschieden sich in der Vielfalt ihrer politischen Positionen nicht von anderen Bevölkerungsgruppen, doch lohnt es sich zu bedenken, wie ihre Stellung als Juden besondere Impulse setzte. Einige jüdische Konservative verbanden beispielsweise ihre Ablehnung linker oder liberaler Anliegen ausdrücklich mit der Angst, von Reaktionären als Sündenböcke verfolgt zu werden. Andere sahen im Individualismus und Universalismus demokratischer Bewegungen eine Bedrohung für jüdische Tradition und gemeinschaftlichen Zusammenhalt – einen gefährlichen Weg zur „Assimilation“. Als entrechtete und diskriminierte Minderheit wurden Juden und Jüdinnen zudem auf andere Weise und zu anderen Zeiten politisiert als andere Bevölkerungsgruppen.
Historische Relevanz aus heutiger Sicht
Angesichts des aktuellen Aufstiegs rechtsgerichteter und rechtsextremer Bewegungen weltweit hat die Literatur zur Ideengeschichte konservativer Bewegungen seit der Französischen Revolution neue Dringlichkeit erhalten. Deutschsprachige Juden und Jüdinnen spielen in diesem Diskurs eine bedeutende Rolle – nicht nur als Opfer des schlimmsten Szenarios rechter Totalitarismen, sondern auch als frühe Analytiker:innen der extremen Rechten (Frankfurter Schule, Hannah Arendt) oder als Bezugspunkte zeitgenössischen konservativen Denkens (Leo Strauss, Ludwig von Mises). Die Konferenz möchte unsere Auseinandersetzung damit erweitern und vertiefen, wie deutschsprachige Juden und Jüdinnen sich in revolutionären und reaktionären Momenten positionierten, die Geschichte und Ideologie geprägt haben und weiterhin unser Verständnis des zyklischen Zusammenspiels von Revolution und Reaktion beeinflussen. Gesucht werden Beiträge, die jüdische Reaktionen auf den Konservatismus untersuchen – von Ablehnung bis Anziehung.
Diese Beiträge werden gesucht
Wie setzten sich deutsche Juden und Jüdinnen mit konservativem Denken und konservativen Bewegungen auseinander? Wie spiegeln intellektuelle, politische und kulturelle Interaktionen zwischen Juden / Jüdinnen und „der Rechten“ in anderen Ländern den Fall der deutschsprachigen Juden wider? Inwiefern haben traditionelle Elemente rechter Ideologien und Politiken – etwa Nationalismus, Autoritarismus und Fremdenfeindlichkeit – jüdische Beteiligung an oder Opposition zu diesen Bewegungen beeinflusst? Wie haben die Shoah und die neuen Nachkriegsumstände, einschließlich eines jüdischen Staates und neuer ideologischer Formationen, jüdische Einstellungen und Aktivitäten geprägt?
Themen für Vorträge oder Panels sollten diese Fragen mit einem Fokus auf die deutsch-jüdische Geschichte beleuchten. Willkommen sind Beiträge, die Akteure und Akteurinnen, Ideen und Ereignisse dieser Geschichte untersuchen, einschließlich der Verbreitung und Wirkung jüdischer Denker:innen und ihrer Ideen in anderen Regionen. Mögliche Themen umfassen unter anderem:
- Die Entwicklung jüdischer politischer Subjektivität
- Der Zusammenhang zwischen universellen demokratischen Forderungen und jüdischer Emanzipation
- Innerjüdische Politik, insbesondere im Hinblick auf Bildung und religiöse Reform
- Geschlechter- und Familienpolitik innerhalb des Judentums und in der Gesellschaft
- Das Verhältnis der Juden und Jüdinnen zu Imperien und deren Zerfall
- Konservative jüdische Vereinslandschaft (z. B. Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, Verband nationaldeutscher Juden)
- Konservatives politisches Denken unter Juden und Jüdinnen sowie kritische Analysen konservativer und rechter Bewegungen durch jüdische Denker:innen
- Das Verhältnis von Juden zu Kapital, Eigentumsrechten und Klassenfragen
- Jüdische Auseinandersetzungen mit Nationalismen, einschließlich Zionismus
Die Konferenz bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlichster Karrierestufen und Spezialisierungen zusammen. Sie soll eine intellektuelle Gemeinschaft zu Themen fördern, die auf anderen Konferenzen in Nordamerika oft unterrepräsentiert sind. Bei ausreichendem Interesse und finanziellen Mitteln wird die Konferenz 2026 den Auftakt zu einer Reihe zweijährlicher Konferenzen bilden, die spezifische Themen der deutsch-jüdischen Geschichte behandeln und zugleich interdisziplinäre und vergleichende Perspektiven ermöglichen. Das LBI verfügt über ein begrenztes Budget für Reisebeihilfen.
Hinweise zur Einreichung:
Bitte senden Sie Ihre Vorschläge bis zum 15. März 2026 per E-Mail an lbiconference2026@lbi.org.
Die Vorschläge sollten einen Abstract (max. 300 Wörter), eine Biografie (max. 150 Wörter) sowie Angaben zu Ihren voraussichtlichen Reisebedarfen enthalten. Die Proposals sind in englischer Sprache einzureichen.