„Snapshots“ des Leo Baeck Institute London ist eine regelmäßig erscheinende Online‑Reihe, die anhand ausgewählter Bücher, historischer Flugschriften, Artefakte und Personen aus den Sammlungen des Instituts anschauliche Einblicke in Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums bietet.
Von Ellie Cole
Zwischen 1933 und 1940 emigrierten etwa 60.000 jüdische Flüchtlinge aus den Nazi-besetzten Gebieten Europas nach Palästina. Die Hälfte davon waren deutsche Juden, die im Jischuw, der jüdischen Gemeinschaft in Palästina, als „Jeckes“ (ein Begriff, der vermutlich auf das deutsche Wort „Jacke“ zurückgeht) bezeichnet wurden. Diese bedeutende Einwanderungswelle wurde unter mehreren Namen bekannt: die fünfte Alija (hebräisch: „Aufstieg“, jüdische Einwanderung nach Palästina), die deutsche Alija und die Alija Chadascha („die neue Alija“).
Anlässlich des zehnten Jubiläums des Begins dieser Immigration veröffentlichte die „überparteiliche politische Gruppe“ Alija Chadascha 1943 die Broschüre 10 Jahre Neue Alijah. Die Organisation bestand vornehmlich aus deutschen Juden, die ihre wirtschaftlichen und sozialen Interessen innerhalb des Jischuw zur Geltung bringen wollten. Der Vorsitzende Felix Rosenblüth verstand Alija Chadascha als eine „fortschrittlich-zionistische Gruppe“ (73-74), deren Ziel die Gleichberechtigung der deutschen Einwanderer im Alltag des Mandatsgebiet Palästina war.


Für Alija Chadascha bedeutete Zionismus die „Schaffung des Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina unter politischen Bedingungen, die ein Leben in Freiheit gewährleisten“ (73-74). Zur Begründung berief sich Rosenblüth ausdrücklich auf Theodor Herzl und zitierte dessen Forderung: „Wir wollen endlich als freie Männer auf unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben“ (73-74). Indem er an Herzls Vorstellungen anknüpfte, verortete er die Gruppe klar in der Tradition des politischen Zionismus, dessen zentrales Anliegen die nationale Selbstbestimmung des jüdischen Volkes war. Die Organisation betrachtete die Alija als eine zentrale Aufgabe des Zionismus und verstand beide als untrennbar miteinander verknüpft. Vor diesem Hintergrund setzte sich Alija Chadascha einerseits für eine stärkere Repräsentation der Neuankömmlinge in den Institutionen des Jischuw ein, um deren Lebenssituation zu verbessern, und bemühte sich andererseits um die Förderung weiterer Einwanderung, nicht zuletzt angesichts der sich verschärfenden Verfolgung der Juden in Europa.
Bereits das Vorwort (76) von 10 Jahre Neue Alija macht deutlich, dass die Broschüre mehr sein will als eine bloße Bilanz. Sie soll einen Überblick über die neue Alija, ihre Akteure und deren Leistungen in Bereichen wie Politik, Kultur, Wirtschaft, Landwirtschaft, Sport und Theater geben. Darüber hinaus zielt sie darauf ab, den nachhaltigen Einfluss deutscher Einwanderer auf das jüdische Leben im Mandatsgebiet Palästina sichtbar zu machen. Der von ihnen angestoßene gesellschaftliche und kulturelle Wandel wird dabei ausdrücklich positiv bewertet.
Besonders aufschlussreich sind die Kapitel Einfluss der neuen Alijah auf Stadtbild und Lebensstil von Tel Aviv (47-50) und Die neue Alijah im Einzelhandel (38-39), die beleuchten, wie das Konsumverhalten der deutschen Neuankömmlinge die Einkaufsgewohnheiten des Jischuw und des Erscheinungsbilds Tel Avivs veränderten. Während der Abschnitt über den Einzelhandel den Beitrag der „Kreise der neuen Alijah“ als so offensichtlich bezeichnet, dass „es keine Diskussion über seine Bedeutung geben kann“, wird im Kapitel über Stadtbild und Lebensstil die prägende Rolle moderner Schaufenstergestaltung für das urbane Erscheinungsbild hervorgehoben.
Doch es ist vielmehr das Bildmaterial der Broschüre als ihr schriftlicher Inhalt, das den Einfluss der neuen Alija auf die Werbekultur deutlich veranschaulicht. Die Broschüre enthält unzählige Anzeigen in deutscher, hebräischer und englischer Sprache, die für eine breite Palette von Konsumgütern und Dienstleistungen werben, darunter Kleidung, Kaffee, Versicherungen, Möbel und Urlaubsreisen. Diese Anzeigen spiegeln die Konsumkultur und kommerziellen Praktiken der deutschen Einwanderer wider. Zugleich zeigen sie, wie diese Gewohnheiten und Erwartungen die sozialen und kulturellen Normen des Jischuws in Palästina veränderten und zur Herausbildung neuer Muster des Konsums und des Alltagslebens beitrugen.


Wie Osnat Roth-Cohen und Yehiel Limor hervorheben, war die lokale Werbung in Palästina vor der neuen Alija relativ „unentwickelt“ (126). Während die frühen Jüdischen Zeitungen, die in Palästina erschienen (die erste davon 1863), Anzeigen enthielten, waren diese jedoch nicht weitverbreitet. Erst 1919 wurde Doar Hayom zur ersten Zeitung, die hauptsächlich durch Werbung finanziert wurde.
Die Teilnehmer an der neuen Alija waren, im Gegensatz zu anderen Einwanderern, wenig zur Integration geneigt, sondern fest entschlossen ihre Kultur beizubehalten: sie sprachen weiterhin Deutsch, brachten Deutsche Zeitungen heraus und organisierten Deutsche Kulturveranstaltungen. Sie waren im Durchschnitt höher gebildet als andere Zuwanderer und hatten oftmals mehr Berufserfahrung. Die Werbefachleute und Graphiker unter den deutschen Neuankömmlingen gründeten neue Werbeagenturen, dessen Zahl in Tel Aviv während der 1930er Jahre von circa fünfzehn auf fünfundzwanzig anstieg (Roth-Cohen and Limor, 134).
Diese Werbefachleute hatten ihren Beruf in der Weimarer Republik erlernt, als Werbung bereits allgegenwärtig war. Wie Boaz Neumann schreibt „Ein Deutscher Bürger der Weimarer Republik konnte beim Zeitunglesen und beim Radiohören, in der U-Bahn und im Kino Werbung nicht vermeiden“ (17). Unter dem Einfluss der amerikanischen Werbeindustrie und Konsumgesellschaft der 1920er Jahre, zogen Werbungen in Deutschland Käufer zunehmend mit markanter Graphik und wirkungsvollen Postern an.


Man muss sich nur deutsche Literatur und Filme aus jener Zeit – besonders die im Stil der Neuen Sachlichkeit – ansehen, um den enormen Einfluss der Konsumkultur zu erkennen. Der von Irmgard Keun1932 verfasste Roman Das kunstseidene Mädchen, zum Beispiel, beschreibt ein von Werbung und Konsumverlangen durchdrungenes Berlin. Die junge Protagonistin Doris, die aus einfachen Verhältnissen stammt, wird von den zahlreichen Werbebotschaften und der aufkeimenden Konsumkultur mitgerissen. In ihrem Streben nach dem glamourösen Lebensstil, für den die Großstadt zu werben scheint, lässt sie sich auf eine Form der Quasi-Prostitution ein
Es soll hier nicht angedeutet werden, dass der Werbungsstyl, der mit der neuen Alija nach Palästina kam, zu einer Quasi-Prostitution des Jischuw führte. Die importierten Werte, die Komforts und luxuriösen Annehmlichkeiten des europäischen Bürgertums übten jedoch auf die lokalen Konsumwünsche und Zukunftsvorstellungen großen Einfluss aus. Werbungen für ein „kultiviertes Zuhause’“, „erstklassige Herren- und Knabenbekleidung“, „elegante Damenwäsche“ und Kleidung nach der „neuesten Mode“, propagierten ein Ideal von modernem europäischem Luxus und bürgerlicher Respektabilität. Damit brachten sie nicht nur Waren in das Mandatsgebiet Palästina, sondern auch die Werte, Normen und Aspirationen jener bürgerlichen Gesellschaft, aus der viele deutsche Einwanderer stammten.
In diesem Zusammenhang verweisen Roth-Cohen und Limor darauf, dass der Slogan „Made Abroad“ auf Konsumenten in Palästina eine erhebliche Anziehungskraft ausübte. Die Anzeigen in 10 Jahre Neue Alijah für Unternehmen wie das „Vienna-Atelier“ und „Heinz Engländer & Co.“ machen sich diesen Umstand gezielt zunutze. Dabei vermarkten diese Werbungen mehr als nur im Ausland hergestellte Waren; sie propagieren vielmehr einen „modernen individualistischen Liberalismus, in dem die eigenen Interessen des Konsumenten, Gesundheit, Schönheit, körperliche Fitness und Freizeitgestaltung von zentraler Bedeutung waren“ (137).

1935
הַתְּרָנִים עַל גַּגּוֹת הַבָּתִּים הָיוּ אָז
כְּתָרְנֵי סְפִינָתוֹ שֶׁל קוֹלוּמְבּוּס
וְכָל עוֹרֵב שֶׁעָמַד עַל חֻדָּם
בִּשֵּׂר יַבֶּשֶׁת אַחֶרֶת.
וְהָלְכוּ בָּרְחוֹב צִקְלוֹנֵי הַנּוֹסְעִים
וְשָׂפָה שֶׁל אֶרֶץ זָרָה
הָיְתָה נִנְעֶצֶת בְּיוֹם הַחַמְסִין
כְּלַהַב סַכִּין קָרָה.
אֵיךְ יָכוֹל הָאֲוִיר שֶׁל הָעִיר הַקְּטַנָּה
לָשֵׂאת כָּל כָּךְ הַרְבֵּה
זִכְרוֹנוֹת יַלְדוּת, אֲהָבוֹת שֶׁנָּשְׁרוּ,
חֲדָרִים שֶׁרוֹקְנוּ אֵי-בָּזֶה?
כִּתְמוּנוֹת מַשְׁחִירוֹת בְּתוֹךְ מַצְלֵמָה
הִתְהַפְּכוּ לֵילוֹת חֹרֶף זַכִּים.
לֵילוֹת קַיִץ גְּשׁוּמִים שֶׁמֵּעֵבֶר לַיָּם
וּבְקָרִים אֲפֵלִים שֶׁל בִּירוֹת.
וְקוֹל צַעַד תּוֹפֵף אַחֲרֵי גַּבְּךָָ
שִׁירֵי לֶכֶת שֶׁל צְבָא נֵכָר,
וְנִדְמֶה – אַךְ תַּחְזִיר אֶת רֹאשְׁךָ וּבַיָּם
שָׁטָה כְּנֵסִיַּת עִירְך
Tel Aviv 1935
Die Antennen auf den Hausdächern waren damals
wie die Masten von Kolumbus‘ Schiff,
und jeder Rabe, der auf ihrer Spitze saß,
verkündete ein anderes Festland.
Durch die Straßen zogen die Wirbel der Reisenden,
und eine Sprache aus einem fremden Land
bohrte sich am Chamsintag*
wie die Klinge eines kalten Messers ein.
Wie konnte die Luft dieser kleinen Stadt
nur so viel tragen:
Kindheitserinnerungen, abgefallene Lieben,
Zimmer, geräumt irgendwo?
Wie Bilder, die sich in einer Kamera verdunkeln,
verwandelten sich klare Winternächte,
regnerische Sommernächte jenseits des Meeres
und die düsteren Morgen großer Städte.
Und hinter deinem Rücken trommeln Schritte
Marschlieder einer fremden Armee,
und es scheint: Drehst du nur den Kopf zurück, dann fährt auf dem Meer
der Dom deiner Stadt vorbei.
*Ein heißer, trockener und oft staubiger Wind
Bibliographie
Alija Chadascha. 10 Jahre Neue Alijah. Tel Aviv: Zurah, ca. 1943. LBI London Pamphlet Collection, Leo Baeck Institute. URL: https://digipres.cjh.org/delivery/DeliveryManagerServlet?dps_pid=IE18215454
Halamish, Aviva. “Palestine as a Destination for Jewish Immigrants and Refugees from Nazi Germany.” In Refugees From Nazi Germany and the Liberal European States, edited by Frank Caestecker and Bob Moore, 122–150. New York and Oxford: Berghahn Books, 2010. DOI: https://doi.org/10.1515/9781845457990-012https://doi.org/10.1515/9781845457990-012.
Jüdisches Museum München. Online Collection. URL: https://sammlung-online.juedisches-museum-muenchen.de/sammlung
Neumann, Boaz. Being in the Weimar Republic. [In Hebrew.] Tel Aviv: Am Oved, 2007.
Roth-Cohen, Osnat and Yehiel Limor. “The German (Fifth) Aliyah and the Development of Israel’s Advertising Industry.” Israel Studies Review 32 (2017). DOI: https://doi.org/10.3167/isr.2017.320208.
Ellie Cole war während des Sommers Praktikantin am LBI London. Sie besitzt einen Bachelorabschluss in Europäischen und Nahöstlichen Sprachen von der Universität Oxford und wird in Kürze ein Masterstudium in Nahoststudien an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts (USA), aufnehmen.