Spurensuche zwischen Buchseiten: Die ersten Workshops des Lost Books Lab in Heidelberg

Teilnehmende des Provenienzforschungs-Wokshops im Antiquariat "Blaumilch" in Heidelberg

Ein unscheinbarer Stempel auf dem Vorsatzblatt, ein verblasstes Exlibris oder eine handschriftliche Widmung – oft sind es winzige Spuren, die von einem schweren Schicksal erzählen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden unzählige deutsch-jüdische Bürgerinnen, Bürger und Institutionen systematisch entrechtet, enteignet und ihrer kulturellen Identität beraubt. Dazu gehörte auch der gezielte Raub privater und öffentlicher Bibliotheken. Um dieses wenig bekannte Verbrechen sichtbar zu machen und aktiv gegen seine Folgen vorzugehen, hat das Lost Books Lab seine Arbeit aufgenommen.

Das Projekt ist eine Kooperation zwischen der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg (HfJS), dem Leo Baeck Institut Jerusalem und den Freunden und Förderern des Leo Baeck Instituts e.V.. Am 9. und 10. September luden wir erstmals engagierte Bürgerinnen und Bürger zu zwei intensiv genutzten Workshops ein, um gemeinsam auf Provenienzrecherche zu gehen. Die Rhein-Neckar Zeitung berichtete über den Auftakt in Heidelberg.

Einblicke in die Workshops vor Ort

  • Der erste Tag an der HfJS: Der Auftakt fand in den Räumlichkeiten der Hochschule für Jüdische Studien statt. Nach einer historischen Einführung in die Mechanismen des NS-Kulturgutraubs und die Grundlagen der Provenienzforschung ging es rasch in die Praxis. Die Teilnehmenden vertieften sich in historische Bestände der HfJS-Bibliothek sowie ausgewählte Bände der Universitätsbibliothek Heidelberg.
  • Der zweite Tag in der Buchhandlung Blaumilch: Für den zweiten Workshop wählten wir bewusst einen offenen Ort im Herzen Heidelbergs. In der angenehmen Atmosphäre der Buchhandlung Blaumilch setzten wir die praktische Arbeit mit einer weiteren Gruppe von Interessierten fort und diskutierten gemeinsam die gewonnenen Erkenntnisse. Erfreulicherweise konnten auch drei Mitarbeiter:innen aus dem Archiv der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg als Multiplikatoren teilnehmen. (Herzlichen Dank an Markus Bitterolf, der uns in seiner Buchhandlung beherbergte und rundum versorgte!)

Ermittlungen am Buch: Wie die Recherche ablief

Im Zentrum beider Workshops stand das eigene Tun. Die Teilnehmenden analysierten mutmaßliche Raubgut-Exemplare und nutzten Datenbanken sowie Archivunterlagen, um etwas über die Schicksale der ursprünglichen Eigentümerinnen und Eigentümern herauszufinden.

Gemeinsam prüften wir Stempel, Bindungen und handschriftliche Eintragsspuren. Dabei wurde spürbar, wie nah die Geschichte des NS-Diebstahls an die eigene Lebensrealität heranrückt – oft geschah das Unrecht direkt vor der eigenen Haustür.

Es wurde deutlich, wie unterschiedlich enthaltene Spuren gedeutet werden können. Einige werden sich vermutlich nie aufklären, andere führen konkret zu den ursprünglichen Besitzern.

Teilnehmende in einem Seminarraum der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg
Ein Stempel gibt Hinweise auf den ehemaligen Besitzer: Dr. Otto Eisler.

Geschichte zurückgeben

Der Raub von Büchern war nicht nur ein materieller Verlust. Er war der gezielte Versuch, jüdische Menschen aus der kulturellen Gemeinschaft auszuschließen und ihnen das Recht zu nehmen, ihre eigene Geschichte zu schreiben.

Durch die Arbeit im Lost Books Lab bringen wir diese Schicksale zurück ins Bewusstsein. Das Projekt zeigt eindrücklich, wie lokale Spurensuche zu einer aktiven Kultur des Erinnerns beiträgt. Wir danken allen Teilnehmenden für ihr Engagement und freuen uns auf die kommenden Etappen des Projekts! Im November sind weitere Workshops mit Berufsschüler:innen in Freiburg geplant. Für das kommende Jahr suchen wir insbesondere Unternehmen und Berufsschulen als Teilnehmende. Daneben bieten wir die Ausrichtung der Workshops auch in Kooperation mit lokalen Initiativen wie Geschichtsvereinen etc. an. Bei Interesse, wenden Sie sich gern an uns. Die Kontaktdaten finden Sie hier.

Diese Bücher wurden von den Teilnehmenden auf Provenienzmarker erfolgreich untersucht. Die Funde wurden schriftlich festgehalten und gesammelt.

Das Projekt wird gefördert von der Baden-Württemberg Stiftung im Programm »Bildung gegen Antisemitismus«.

Teilnehmende des Provenienzforschungs-Wokshops im Antiquariat "Blaumilch" in Heidelberg
Teilnehmende des Provenienzforschungs-Wokshops im Antiquariat "Blaumilch" in Heidelberg