„Snapshots“ des Leo Baeck Institute London ist eine regelmäßig erscheinende Online‑Reihe, die anhand ausgewählter Bücher, historischer Flugschriften, Artefakte und Personen aus den Sammlungen des Instituts anschauliche Einblicke in Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums bietet.
Von Katharina Hadassah Wendl
Um einen Tisch in Berlin versammelt sitzen Mitglieder der Familie Salomon, flankiert von ihren Kindern und unter dem Blick der Porträts ihrer Vorfahren. Die Szene, die um 1850 von einem unbekannten Künstler gezeichnet wurde, ist in einem seltenen jüdischen Kalender aus dem Jahr 1938 zu finden, von dem sich ein Exemplar in der LBI London Pamphlet Collection befindet.

Auf den ersten Blick erinnert das Familienporträt an die Welt der deutsch-jüdischen Salonkultur des frühen 19. Jahrhunderts und unterstreicht Häuslichkeit, bürgerliche Familienwerte und Zugehörigkeit. Doch seine Aufnahme in einen Kalender aus dem Jahr 1938 verleiht dem Bild eine andere Bedeutung. Der Kalender, zu einer Zeit erschienen, als die Verfolgung durch die Nationalsozialisten das jüdische Leben in Deutschland gewaltsam umgestaltete und schließlich zerstörte, regt uns dazu an, zu fragen, welche Botschaften seine Herausgeberinnen ihrem Publikum vermitteln wollten, das einer zunehmend ungewissen Zukunft entgegenblickte. „Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes[I1.1]“ für das Jahr 1938/1939 ist mehr als nur ein praktischer Wochenkalender. Vielmehr verwandelt er bewusst vertraute Bilder jüdischer Häuslichkeit in ein Statement über kulturelle Kontinuität, Würde und Widerstandsfähigkeit.
Der Jüdische Frauenbund und seine Kalender-Tradition
„Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes 1938/39“ war der letzte Kalender, den der Jüdische Frauenbund [I2.1]herausgab, ein Zusammenschluss jüdischer Frauenorganisationen in Deutschland, dessen Schwerpunkte auf Sozialfürsorge, Frauenbildung, Gemeinschaftsleben und feministischen Themen lagen. Als feministische Organisation legte der Frauenbund besonderen Wert auf den häuslichen Bereich und die Erfahrungen von Frauen. Er positionierte Frauen nicht nur als Fürsorgerinnen, sondern als zentrale Trägerinnen jüdischer Identität und Kontinuität. Die Herausgabe von Kalendern begann 1927 als Service für Mitglieder und Förderinnen des Frauenbunds und als Möglichkeit, Spenden zu sammeln. Die JFB-Kalender erfreuten sich großer Beliebtheit, wie beispielsweise die Schriftstellerin Bertha Badt[I3.1] feststellte. In einer Rezension des Kalenders von 1931 merkte sie an, dass die Kalender des Jüdischen Frauenbundes innerhalb weniger Jahre zu einem festen Bestandteil deutsch-jüdischer Haushalte geworden seien. Herausgegeben wurden sie von Lisbeth Cassirer (1886–1974) und Hannah Karminski I4.1, führenden Persönlichkeiten des Jüdischen Frauenbundes, und in Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern und deutsch-jüdischen Verlegern produziert. Jeder Kalender hatte ein bestimmtes Thema, wie beispielsweise Musik (1936), das jüdische Buch (1934) oder, in diesem Fall, die jüdische Familie.
Kalender sind von Natur aus vergängliche Objekte mit einem klar definierten Zweck, nach dessen Erfüllung sie meist weggeworfen oder verstaut werden. Sie können wunderschön illustriert sein oder inspirierende Zitate aus einem breiten Spektrum von Literatur enthalten, wie etwa die Kalender des Frauenbundes. Aber letztendlich sind sie Dokumente mit einem klaren Verfallsdatum. Der als Wandkalender konzipierte Almanach „Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes 1938/39“ enthält die wöchentlichen Schabbatzeiten und bietet ausreichend Platz, um kurze Notizen und Erinnerungen händisch einzutragen. Gleichzeitig fungiert er jedoch auch als Kulturgut. Er ist reich bebildert und sorgfältig zusammengestellt und bringt jüdische Geschichte, Literatur und visuelle Kultur in den häuslichen Bereich. Wie die Herausgeberinnen andeuten, könne der Kalender sogar als schönes Geschenk zum jüdischen Neujahrsfest oder zu Chanukka dienen. Von Frauen für Frauen zusammengestellt, beleuchten seine Zitate und Illustrationen oft Aspekte des modernen jüdischen Frau-Seins und die zentrale Rolle der Mutter.

Ein seltenes Exemplar aus dem Nachlass Robert Weltschs
Der Kalender, rechtzeitig zu den Feierlichkeiten zum jüdischen Neujahrsfest im September 1938 erschienen, war eine der letzten Veröffentlichungen des Jüdischen Frauenbundes vor dessen erzwungener Auflösung nach den Novemberpogromen. Die Broschürensammlung des LBI London verdankt ihr seltenes Exemplar des Kalenders Robert Weltsch, einem der Gründer des Leo Baeck Institute London und dessen erstem Direktor. „Das Jahr des Jüdischen Frauenbundes“ ist ein einzigartiges Zeugnis in der Sammlung des LBI London: Nur sehr wenige weitere Ausgaben des Kalenders befinden sich in Forschungsbibliotheken weltweit. Der JFB war jedoch stolz auf seine Kalendereihe: Seine monatliche Publikation, die „Blätter des Jüdischen Frauenbundes“, die nun über die Freimann-Sammlung [I5.1]zugänglich ist, dient als reichhaltige Informationsquelle über die Kalender-Initiative und enthält sowohl Rezensionen als auch Berichte der Herausgeber.
Die jüdische Familie ist das Leitmotiv des Kalenders von 1938, dessen Zitate und Illustrationen Werte zum Ausdruck bringen, die deutsch-jüdischen Gemeinschaften von damals und heute gemeinsam sind. Zitate bedeutender jüdischer Denker und Denkerinnen der Vergangenheit, wie Rabbi Samson Raphael Hirsch oder Moses Mendelssohn, werden ebenso aufgeführt wie Texte von Zeitgenossen wie Margarethe Susman[I6.1], Ismar Elbogen und Bertha Pappenheim [I7.1], der Gründerin des JFB. Sie heben die wichtige Rolle der Familie in der jüdischen Erziehung hervor sowie die besondere Rolle jüdischer Mütter bei der Erziehung ihrer Kinder zu Juden und Jüdinnen, die fest in ihrer Identität verankert sind und über ihr kulturelles Erbe Bescheid wissen. Begleitende Fotos, Illustrationen und Kunstwerke – ebenfalls sowohl historische als auch zeitgenössische – zeigen Familienszenen und Porträts, darunter solche von Bertha Pappenheim und Familienmitgliedern der Herausgeberin Lisbeth Cassirer.

Ein Gegenentwurf zur NS-Propaganda
Redakteure und Rezensenten betonten, dass die Wahl der Jahresthemen durch die JFB niemals willkürlich erfolgte. Vielmehr lassen sich die Kalender als „Zeitbilder“ betrachten, als Einblicke in die Zeit, in der sie erschienen. Als Bücher jüdischer Autor:innen und Dissident:innen des NS-Regimes geplündert, verboten und verbrannt wurden, reagierte der JFB 1934 mit einem Kalender über die reichhaltige jüdische Buchkultur. Ebenso stehen die Bilder und Botschaften im Kalender von 1938 in krassem Gegensatz zu denen, die in der NS-Propaganda verwendet wurden. Als Antwort auf die antisemitischen Stereotypen von Schwäche, Entwurzelung und Korruption, mit denen deutsche Juden und Jüdinnen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollten, zeigt die Bildauswahl des JFB Juden und Jüdinnen, die selbstbewusst ihre Identität leben. Sie sind gebildet, Teil einer generationenübergreifenden Gemeinschaft, intellektuell engagiert und religiös sowie kulturell verwurzelt.
Angesichts der Verfolgung der Juden auf der Straße wollten die Herausgeber des Kalenders die Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkes stärken und fördern, indem sie die jüdische Familie als Quelle der Kraft, der Solidarität und der Kontinuität darstellten. Als Juden und Jüdinnen durch die nationalsozialistische Verfolgung zunehmend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurden, zogen sie sich in ihr privates Leben zurück. Die Familie und die jüdische Gemeinde wurden zu einem immer wichtigeren Mittelpunkt, zu einem Zufluchtsort, der Solidarität, Rat und einen geschützten Raum bot, in dem man jüdisch sein konnte. In dunklen Zeiten half der Kalender jüdischen Frauen und Männern dabei, Überblick über die Zeit zu behalten, und bot ihnen eine kulturell jüdische Sichtweise auf eine Zeit, in der viele deutsche Juden und Jüdinnen zunehmend das Gefühl hatten, dass ihre Tage in Deutschland gezählt seien.

Bis 1938 hatten die zunehmend antisemitischen Gesetze und die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland viele Juden dazu veranlasst, darüber nachzudenken, ihre Heimat zu verlassen und sich in sicherere Zufluchtsorte zu begeben. Viele Familien standen vor schwierigen Konversationen und waren gezwungen, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, die Familien auseinanderrissen und sie über ganz Europa und die ganze Welt verstreuten: Wer bleibt zurück und wer geht?
In diesem Zusammenhang lässt sich der Kalender der JFB als Versuch verstehen, Werte zu bekräftigen, die für Juden und Jüdinnen während der Nazizeit besonders dringlich wurden: die zentrale Bedeutung der Familie, die Religion als Quelle der Widerstandsfähigkeit und die Stärkung der jüdischen Identität. Dies kommt am anschaulichsten in einem der Zitate zum Ausdruck, welches einem Testament aus dem Jahr 1875 entnommen ist, in dem ein Elternteil seine Kinder eindringlich ermahnt, gute Juden zu sein, die Tora zu studieren, Almosen zu geben und ihrer jüdischen Identität treu zu bleiben (S. 15v). Leser:innen im Jahr 1938 mögen dies als eine an sie gerichtete Botschaft verstehen, können es aber auch als Botschaft auffassen, die sie an ihre eigenen Kinder weitergeben sollen.
Die Schwierigkeiten, mit denen Jüdinnen und Juden im Jahr 1938 konfrontiert waren, kommen besonders gut in einem Zitat der jüdischen Dichterin, Philosophin und Kritikerin Margarethe Susman (1872–1966) zum Ausdruck. Obwohl sie von den Herausforderungen der Kindererziehung spricht, können sich heutige Leser:innen mit dem Kind in ihrem Zitat identifizieren, das sein Schicksal beim Erwachsenwerden selbst in die Hand nimmt:
Für das Schicksal der Mutterschaft gibt es keine persönliche Ueberwindung (sic!) wie für jedes andere menschliche Schicksal; denn nur das eigene, nicht das andere kann überwunden werden. Wie sehr die Mutter sich bemühen mag, selbst dem Kinde oberste Brücke zur Gemeinschaft zu sein, wie tief das Glück dieses Brückenschlagens in seinem Gelingen sein mag: sie selbst kann diese Brücke nicht mit betreten. Sie reicht ihm die Hand, führt es zu ihr hin, und es schreitet allein hinüber und verliert sich in seinem eigenen ihr unzugänglichen Schicksal.
Margarethe Susman, Das Problem der Frauen in der heutigen Welt. Der Morgen (1926)

Zeugnis der Widerstandsfähigkeit
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren gedruckte Kalender aller Art beliebt und allgegenwärtig. Zufälligerweise befindet sich in der LBI London Pamphlet Collection (Broschürensammlung) ein weiterer Kalender dieser Art: ein Taschenkalender, der im selben Jahr von der neo-orthodoxen Gemeinde Adass Jisroel in Berlin [I8.1]herausgegeben wurde. Im Gegensatz zum JFB-Kalender enthält er keine Zitate und kaum Bilder, ist aber äußerst praktisch: Er listet die täglichen Zeiten für das Anlegen der Tefillin und die Schabbat-Zeiten und beinhaltet einen Abschnitt für persönliche Notizen und Adressen. In einem der Berichte in der Zeitschrift des JFB schreiben die Herausgeberinnen Lisbeth Cassirer und Hannah Karminski ihrer Initiative zu, zur Verbreitung ähnlicher Kalender in der jüdischen Gemeinde beigetragen zu haben. Tatsächlich begann im Jahr 1928 Emil Bernhard Cohn (1881–1948) mit der Veröffentlichung einer Reihe jüdischer Kinder- und Jugendkalender; einer davon ist ebenfalls Teil der Broschürensammlung des LBI London und wurde bereits in einem früheren „Snapshot[I9.1]“ behandelt. Im Jahr 1934 begann die JFB selbst mit der Herausgabe eines eigenen Kinderkalenders.
In der letzten Ausgabe des JFB-Kalenders wollten die Herausgeber nicht nur jüdische Familienwerte vermitteln, sondern auch die Bedeutung und die Kraft der jüdischen Kontinuität. Der Kalender ist somit ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie jüdische Frauen danach strebten, jüdische Identität, Gemeinschaft und Werte zu bewahren. Der Kalender markiert einen Bruch – er endet im September 1939, als die Vernichtung der europäischen Juden durch die Nazis und ihre Kollaborateure mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eine neue Dimension erreichte. Doch der Kalender erzählt eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und der Gewissheit, dass das jüdische Volk – und jüdische Frauen – Geschichte, Würde und Zukunft haben. Auch wenn die Nazis ihnen genau dies absprechen wollten, ist der Kalender in unserer Sammlung ein Beweis dafür, dass sie gescheitert sind.
Besitzen Sie oder Ihre Einrichtung ein Exemplar eines der Kalender des Jüdischen Frauenbundes? Sie wurden zwischen 1927 und 1938 gedruckt und bieten einen intimen Einblick in den Alltag deutsch-jüdischer Frauen. Abgesehen von dem Kalender von 1938/39, der sich in der Sammlung des LBI London befindet, konnten wir nur vier weitere Exemplare ausfindig machen, und zwar im LBI New York (1938) und in der Nationalbibliothek Israels (1928, 1934, 1938). Wir würden uns freuen, von Ihnen zu hören, falls Sie Kenntnis von weiteren erhaltenen Exemplaren der Frauenbund-Kalender haben.
Weitere Informationen:
Blätter des Jüdischen Frauenbundes (1924–1938), https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/4804947.
Bertelli, Francesco. “A brief history of calendar design.” UX Collective. 10. 10. 2018. URL: https://uxdesign.cc/a-brief-history-of-calendar-design-c3f876689fed.
Bloch, Kinga, Carina Chitayat and Daniel Wildmann. “A Compass for a German-Jewish Childhood: Emil Bernhard Cohn’s Jüdischer Jugendkalender1934 (Almanac for Jewish Youth),” Leo Baeck Institute London. URL: https://www.lbilondon.ac.uk/research/snapshots/compass-german-jewish-childhood-emil-bernhard-cohns-judischer-jugendkalender.
Daemmig, Lara and Marion Kaplan. “Juedischer Frauenbund (The League of Jewish Women).” Shalvi/Hyman Encyclopedia of Jewish Women. 27. 02. 2009. Jewish Women’s Archive. URL: https://jwa.org/encyclopedia/article/juedischer-frauenbund-league-of-jewish-women.
George, Tanya. “Calendar Design in the Online Archive.” Letterform Archive. 18. 01. 2024. URL: https://letterformarchive.org/news/calendar-design-in-the-online-archive/.
Kaplan, Marion. The Jewish Feminist Movement in Germany: The Campaigns of the Jüdischer Frauenbund, 1904–1938. Westport, CT: Greenwood Press, 1979.
Wobick-Segev, Sarah. Homes Away from Home: Jewish Belonging in Twentieth-Century Paris, Berlin, and St. Petersburg. Stanford: Standford University Press, 2018.
Wulf, Marlene. “Der Jüdische Frauenbund.” Leo Baeck Institute Collections. URL: https://www.lbi.org/collections/german-jewish-feminism-in-the-twentieth-century/der-j%C3%BCdische-frauenbund/.