Eduard Bernstein – Demokratischer Sozialist und Arbeitskämpfer

Eduard Bernstein um 1923 © Wikipedia

Eduard Bernstein (1850–1932) war ein deutscher Sozialdemokrat, demokratischer Sozialist und Begründer des »Revisionismus«. Ab 1878 lebte er im Ausland, arbeitete als Journalist und machte sich als Kritiker Marx’scher Theorien einen Namen. Er widersprach beispielsweise der Vorstellung eines unvermeidlichen Kapitalismuszusammenbruchs. Statt Revolution setzte er auf demokratische Reformen, bejahte die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften und plädierte für eine sozialistische Volkspartei.

Klaus Leesch ist promovierter Historiker, Bibliothekar und Pressearchivar. 2024 erschien sein Buch: »Eduard Bernstein (1850-1932). Leben und Werk« im Campus-Verlag, die erste wissenschaftliche Biografie zu diesem wichtigen Sozialdemokraten.

Lutz Vössing sprach mit Dr. Klaus Leesch über den Kämpfer für sozialistische Reformen

Aus welcher familiären und sozialen Herkunft stammte Eduard Bernstein?

Eduard Bernstein wurde am 6. Januar 1850 in eine kinderreiche, dem Reformjudentum angehörende Eisenbahner-Familie geboren. Sein Geburtshaus stand in Steinwurfnähe zur heutigen Zentrale der SPD, dem Willy-Brandt-Haus, in Berlin-Kreuzberg, in der Anhaltinischen Kommunikation 12, heute Stresemannstraße. Die Familie lebte in einer Mietwohnung in relativ ordentlicher Lage in Kreuzberg. Fleisch gab es nur gelegentlich. Das Wasser musste aus einem Brunnen geschöpft werden. Die Kinder der Bernsteins hatten im Gegensatz zu vielen ihrer Mitschüler immer Strümpfe und Schuhe. Die Juden waren sehr um eine ordentliche Ausstattung und vor allem eine gute Bildung für ihre Kinder bemüht.

Was veranlasste ihn zur Flucht ins Exil und welche Rolle spielte Otto von Bismarcks Sozialistengesetz dabei?

Formal betrachtet ging Bernstein nicht ins Exil, sondern er hatte von einem Mäzen der Sozialdemokratie namens Karl Höchberg im Herbst 1878 ein Angebot erhalten, für ihn als Sekretär zu arbeiten. Das nahm Bernstein an und fuhr – eine Woche bevor das Sozialistengesetz der Sozialdemokratie den Garaus bereiten sollte – in die Schweiz zu seinem neuen Arbeitgeber. Die Partei und die ganze Arbeiterbewegung stand in Bismarcks Preußen ständig unter sehr starkem Druck. Nach Erlass des Sozialistengesetzes nahmen die repressiven Maßnahmen, Verbote, Gefängnisstrafen und Ausweisungen noch deutlich zu. Es war grundsätzlich verboten, Zeitungen und andere schriftliche Publikationen mit sozialdemokratischem Inhalt zu veröffentlichen. Daher kam im Oktober 1879 »Der Sozialdemokrat. Internationales Organ der Sozialdemokratie deutscher Zunge« als Schmuggelgut aus der Schweiz.

Wann und unter welchen Umständen kehrte er nach Deutschland zurück?

Nach Beendigung von »Der Sozialdemokrat« 1890 arbeitete Bernstein in London in erster Linie als Auslandskorrespondent für »Vorwärts. Berliner Volksblatt« und »Die Neue Zeit«. Seine theoretischen Überlegungen, die sich unter dem Begriff Revisionismus bündeln lassen, riefen eine Reihe von Gegnern auf den Plan. Als die wichtigsten erwiesen sich sein Freund Karl Kautsky, der Parteivorsitzende August Bebel, ein großer Teil der dogmatisch orientierten Parteimitte und natürlich die Parteilinke. Der Druck auf Bernstein war heftig, auch und gerade in persönlich-privater Hinsicht. Es gab in dieser Zeit verschiedene Pläne für ein Entkommen. Aber es zog ihn dann doch stärker nach Deutschland. Der Liberale Paul Nathan bat den Reichskanzler von Bülow, Bernstein die Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Der kam dem nach. Er erhoffte sich, einen (revisionistischen) Keil in die SPD zu treiben. Eduard Bernstein und seine Frau Regina kehrten in der sechsten Kalenderwoche des Jahres 1901, am 08./09.02.1901, aus London kommend, wieder in die Heimat nach Berlin zurück. In Deutschland arbeitete Bernstein als Journalist und Herausgeber und konnte bereits 1902 als SPD-Abgeordneter für Breslau-West in den Reichstag einziehen.

Bernstein um 1895 © Wiki

Wer gehörte zu seinen frühen politischen Weggefährten und wer zu seinen Gegnern innerhalb der Arbeiterbewegung?

Bernsteins erster wichtiger lebenslanger Freund war Willi Bading, der mit ihm in die junge Sozialdemokratie eintrat. In der SPD ist bereits früh (und bis zu seinem Lebensende) Ignaz Auer zu nennen. Er war lange Jahre Vorstandsmitglied und innerparteilich eine bedeutende Figur, da er den gesamten Organisationsapparat inkl. der schriftlichen Kommunikation mit der Umwelt lenkte. Er hielt bis zu seinem Tode seine Hände über Eduard Bernstein. Ein anderer Freund war J.H.W. Dietz, der Verleger, der lange Zeit Bernsteins finanzielles Auskommen stützte. Ab der Hochzeit des Revisionismus (ca. 1898-1903) entwickelten sich Gegnerschaften in der Partei. Von den Personen her waren dies sein engster Freund Karl Kautsky, August Bebel, viele Parteitagsdelegierte, die sich an der kautskyschen Marxsicht des Erfurter Programms orientierten (Revolution ja, aber sie kommt naturnotwendig und Befürwortung des Klassenkampfes) und die Parteilinke, die stark vereinfacht hier als Rosa Luxemburg benannt werden kann. Weitere wichtige zeitgenössische linke Kritiker waren Georgij V. Plechanow, Alexander Parvus (d. i. Alexander Helphand) und Wladimir Iljitsch Lenin.

In London arbeitete Bernstein eng mit Friedrich Engels zusammen. Welchen Einfluss hatte Engels auf sein Denken?

All den Urteilen, die in Bernstein einen quasi weisungsgebundenen Mitarbeiter Friedrich Engels’ sehen, widerspreche ich nachdrücklich. Eduard Bernstein war ein »Parteischriftsteller« und in keiner Funktion und Weise Friedrich Engels Mitarbeiter. Er hat alle Veröffentlichungen selbst konzipiert und in eigener Verantwortung veröffentlicht. Selbstverständlich wurde Friedrich Engels von Eduard Bernstein als große Autorität anerkannt und Bernstein und Engels haben jeweils auch in Sachfragen das Gespräch (aus technischen Gründen, solange Bernstein in Zürich war, den Briefwechsel) gesucht. Aber aus all dem, der Kommunikation mit vielen anderen Personen (so vor allem Karl Kautsky), seinen eigenen Fähigkeiten und seinem Gespür, hat Eduard Bernstein selbständig eine Zeitung konzipiert und auch später vollkommen selbständig gearbeitet. Friedrich Engels war mit Eduard Bernstein sehr einverstanden, er hatte und suchte keinen Vasallen. Bernstein hat sich selbst 1901 entsprechend geäußert und ich folge ihm hier ausdrücklich.

Bernstein um 1895 © Wikipedia

Welche Grundannahmen des Marxismus übernahm Bernstein – und welche lehnte er ab?

Eine komplexe Frage. Bernstein verstand sich als Revisionist immer als Marxist. Er ging von der einfachen und vollkommen richtigen wissenschaftlichen Annahme aus, dass sich alle wissenschaftlichen Lehren falsifizieren lassen müssen (Karl Popper) und somit die marxschen Anschauungen, die ja aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammten, ebenfalls diesem Postulat unterlägen. Und so hat er festgestellt, dass die marxsche Wertlehre, seine Revolutionsannahmen und in einem begrenzten Umfang auch der Materialismus einer Nachschärfung, einer Prüfung an der Wirklichkeit bedürfe. Auch modifizierte er weitere (kautskysche) Annahmen von Marx/Engels. So werde es keinen Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaft durch eine sich verstärkende Krisenentwicklung geben, eine Verelendung der Volksmassen sei nicht eingetreten, die Lage der Arbeiterschaft habe sich eher verbessert. Die stete Entwicklung zu Großbetrieben bei Vernichtung der Kleinbetriebe werde in dieser Form nicht stattfinden. Der Klassenkampf dürfe nicht zu einer Verweigerung der Zusammenarbeit mit progressiven bürgerlichen Kräften führen. Die Partei solle sich zu einer Volks- und nicht zu einer Klassenpartei entwickeln und im Parlament konstruktiv mitarbeiten. Nicht dem ‚Endziel des Sozialismus‘ war Bernsteins Arbeit gewidmet, sondern dem Weg dahin.

Der Begriff des „Revisionismus“ ist eng mit Bernstein verbunden. Was verstand er darunter?

Bernstein selbst hat, in Anlehnung an Antonio Labriola, für »seinen« modifizierten Marxismus den Terminus »kritischer Sozialismus« gefunden. In der SPD und in der sich auf Bernstein berufenden Hochschulinitiative Demokratischer Sozialismus/HDS wird der Terminus »Demokratischer Sozialismus« genutzt. Was den Begriff Revisionismus angeht, hat Bernstein selbst 1909 dazu gesagt: »Der Name Revisionist ist ein aufgedrängter, von Dritten gebildeter, kein frei gewählter Name.« 1903, auf dem Parteitag in Dresden hat Bernstein sich sogar – unter starkem Druck und ganz sicher ironisch – wie folgt geäußert: »Ich nehme keinen Anstand Ihnen von vorneherein zu erklären, ich bin Revisionist (Bravo!), ja wenn Sie noch etwas mehr wollen, ich bin sogar Bernsteinianer! (Große Heiterkeit).« In dem Hauptwerk des Revisionismus »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie« aus dem Jahre 1899 kommt das Wort Revisionismus gar nicht vor. Neben anderen, oben genannten Marx korrigierenden Anschauungen spielte der Begriff und die Sache »Demokratie« eine zentrale Rolle im »bernsteinschen Revisionismus«. Seine Sicht lief darauf hinaus, dass sie nicht die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit bedeute, sondern die Sicherung der Mehrheit gegen Beherrschung durch Minderheiten. Damit war eine »Diktatur des Proletariats« ausgeschlossen und das fand schon früh die Kritik der Parteilinken und der Kommunisten; wo es sie schon gab.

Eduard Bernstein »Texte zum Revisionismus« © Lutz Vössing/Hennwack

Wie gestaltete sich Bernsteins Verhältnis zu Rosa Luxemburg, insbesondere im Hinblick auf ihre ideologischen Differenzen?

Eduard Bernstein hielt eine ganz Menge von der jungen Rosa Luxemburg. Dies wird sehr deutlich in seinem Nachruf in »Die deutsche Revolution von 1918/19« aus dem Jahre 1921. Trotz der teilweise höhnischen und herablassenden Abfertigung, die Bernstein in dieser Auseinandersetzung und weiteren in den Folgejahren erfahren musste, schildert er, erkennbar betroffen, dass Rosa Luxemburg »lediglich als die selbstlose Kämpferin für eine Idee gefallen [sei], der sie ihr ganzes Ich gewidmet hatte.« Sie habe sich in der Einschätzung der Tragkraft der Revolution geirrt. Ihre im Krieg erschienene »glänzend abgefaßte Schrift über die Krise der Sozialdemokratie« (»Junius-Broschüre«) zeige auch, warum sie irren musste. Sie habe ein abstraktes Proletariat gesehen, dem habe das tatsächliche Proletariat nicht entsprochen. »In ihr hat der Sozialismus eine hochbegabte Mitstreiterin verloren, die der Republik unschätzbare Dienste hätte leisten können, wenn nicht falsche Einschätzung der Möglichkeiten sie ins Lager der Illusionisten der Gewaltpolitik geführt hätten. Aber auch wer um dessentwillen im Parteikampf ihr Gegner war, wird das Andenken dieser rastlosen Kämpferin in Ehren halten.«

Welche Rolle spielte Bernstein innerhalb der SPD und später innerhalb der USPD? Hatte er innerparteilich großen Einfluss?

Bernstein war keine Führernatur, hat nie eine Führungsrolle gesucht und auch nicht angeboten bekommen. Er verstand sich als Parteischriftsteller und damit als Dienstleister für die Partei und sah sich in der Rolle eines praktisch orientierten Theoretikers. Und das bis etwa 1896/97/98 an der Seite und mit Karl Kautsky. Bernstein hatte einen gewissen Einfluss in der Partei, war aber zu Lebzeiten August Bebels (nach 1899) nie der Taktgeber, sondern wandte sich nachhaltig, und das sein Leben lang, gegen eine Marxsicht, die sich lediglich auf den frühen Marx/Engels berief. Er hatte Friedrich Engels so verstanden, dass dieser sich in seinen letzten Jahren in Richtung Bernstein bewegt habe. Das sah die Mehrheit der Partei allerdings anders. In der USPD, einer Abspaltung, die er nicht selbst meinte betrieben zu haben, war er ebenfalls eher ein Gedankengeber, aber kein einflussreicher Macher. Nach dem Krieg verzankte sich Bernstein erneut mit der SPD, weil er die Kriegsschuld den Deutschen, hier dem Kaiser und dem Militär, zumaß. Aber das wollten die Sozialdemokraten nicht hören. Bruno Kreisky, österreichischer Bundeskanzler hat Bernstein in einem SPIEGEL-Interview 1983 als eine enorm wichtige Person beschrieben: »Er war ja in Wirklichkeit der große politische Reformator, nicht Marx.«

Eduard Bernstein © Wikipedia

Bernstein trat früh aus der jüdischen Gemeinde aus. Wie positionierte er sich in der Frage der jüdischen Assimilation und des entstehenden Zionismus?

Eduard Bernstein hat Zeit seines Lebens an und mit seinem »Jude sein« gerungen. Nach reformjüdischer Kindheit und Konfirmation (!) in Berlin trat er, anlässlich einer antikirchlichen Kampagne seines sozialdemokratischen damaligen Freundes Johannes Most gegen die Bemühungen des Hofpredigers Adolf Stoecker nach eigenen Worten Ende 1877 oder, sehr viel wahrscheinlicher, Anfang 1878 aus dem Judentum in Berlin offiziell aus. Trotzdem oder gerade deswegen hat sich Bernstein zeitlebens laut und vernehmlich gegen Antisemitismus gewehrt. Und der war auch in der Sozialdemokratie nicht unbekannt. Bereits sehr früh hat er die Leiden der rumänischen Juden angeprangert. Im Krieg hat er sich unter dem Titel »Die Aufgaben der Juden im Weltkriege« Gedanken um eine Mittlerfunktion der Juden gemacht, die seit dem Mittelalter als ein internationaler Faktor zunächst als Händler und später als Wissenschaftler vermittelnd tätig gewesen seien. Ab Mitte der 1920er Jahre interessierte sich Bernstein zunehmend für den sozialistischen Zionismus und verteidigte ihn 1929/30 sogar in einer seiner letzten Auseinandersetzungen mit Karl Kautsky. Allerdings war Bernstein, von heute her gesehen, deutlich zu optimistisch, was das Verhältnis von Palästinensern und Israelis bzw. Juden angeht. Es sei, so Bernstein, nicht das Ziel der Bewegung, die Araber beziehungsweise Muslime und auch nicht die Angehörigen sonstiger Konfessionen aus Palästina zu verdrängen, sie ziele einzig darauf, für Juden eine Heimstätte zu schaffen, die den sich auf ihr ansiedelnden Juden ein Heimatrecht sichere. Dieses Bestreben eines politisch gesicherten Heimatrechts für jüdische Siedler habe nichts mit einem historischen Anspruch auf Palästina als von Rechts wegen jüdischem Land zu tun. Bereits 1913 hatte Bernstein im Reichstag erklärt: »Zuerst bin ich Mensch, Deutscher, und dann stamme ich von Juden ab. Aber ich würde sagen, soweit ich eben von Juden abstamme, aller Ehren wert, ich nehme diesen Judenmischling gerne an.«

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.

Eduard Bernstein um 1923 © Wikipedia
Eduard Bernstein um 1923 © Wikipedia