Leopold Zunz (1794–1886) war Historiker, Religionswissenschaftler und eine zentrale Figur in der Entwicklung der modernen Wissenschaft des Judentums, die das Judentum systematisch untersucht. Er kämpfte für die Emanzipation der Juden und setzte sich für ihre Integration in die Gesellschaft ein. Seiner Auffassung nach sei das Judentum nicht bloß als Religion oder Nation zu betrachten, sondern vielmehr als eine Kultur, die in ihrer eigenen Weise in die Gesellschaft integriert werden müsse. Seine Arbeiten beeinflussten sowohl die jüdische Wissenschaft als auch die politische und soziale Integration der Juden in Europa.
Rachel Livne Freudenthal, geboren 1940, ist eine Historikerin und Expertin für jüdische Studien. Sie ist am Leo Baeck Institut in Jerusalem tätig und hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zur jüdischen Geschichte veröffentlicht. Unter ihren Publikationen finden sich neben anderen „The Verein: Pioneers of the Science of Judaism in Germany“ [Hebräisch] und Beiträge im Werk „Juden in Berlin 1671–1945“.
Lutz Vössing sprach mit ihr über Leopold Zunz und seine Arbeit für die Wissenschaft des Judentums.
Wie sind Sie auf Leopold Zunz gestoßen?
Auf Leopold Zunz bin ich gestoßen, als ich mit meiner Arbeit über den »Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden« angefangen habe. Zunz war neben Eduard Gans die Schlüsselfigur im Verein und gilt auch als der Begründer der modernen Wissenschaft des Judentums. Für mich vertritt er bis heute die richtige Art, Judentum, allgemeine Menschlichkeit und politische Verbindlichkeit zusammenzubringen. Dies wurde mir erst klar, nachdem ich seine verschiedenen Schriften und Briefe gelesen habe.
Aus welchem Elternhaus stammt Zunz?
Zu seinem Elternhaus kann man wenig sagen. Er wurde 1794 geboren. Sein Vater war ein Lehrer im Beit Midrash und führte einen kleinen Lebensmittelladen. Er starb, als Leopold 8 Jahre alt war. Er lebte in einem Internat in Wolfenbüttel, und dort war er der erste jüdische Junge auf einem Gymnasium.
Wie war die Situation der Juden zu seiner Zeit?
Er lebte in einer Zeit, die für die Jüdinnen und Juden in Preußen sehr verwirrend war. Durch das Edikt von 1812 hofften sie, dass die Emanzipation jetzt ungestört weitergeht. Dies wurde durch die Napoleonischen Kriege bestärkt. Die Enttäuschung kam schnell im Zuge der Restauration. Andererseits war die Elite der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland weitgehend in die deutsche Gesellschaft und Kultur integriert. Die Mitglieder des »Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden« beispielsweise haben an der Universität studiert.
Wie hat er sich politisiert?
Er beschreibt diese Zeit in »Das Buch Zunz«. In diesem Büchlein erzählt er, dass sich unter den ersten Musikstücken, die ihn beeinflussten, die »Marseillaise« befand – und die Bilder, die an seiner Wand hingen, waren von Bonaparte, Lord Nelson und Alexander Suvorov.
Wie entwickelte sich seine politische Laufbahn weiter? Wie kam er in die Politik?
Zunz war ein Kind seiner Zeit, sowohl als Jude als auch als Deutscher. Als Deutscher Jude stand er für die absoluten Bürgerrechte der Juden. Als er merkte, wie auch viele seiner Freunde und Kollegen, dass die Restauration den Fortgang des Emanzipationsprozesses verhinderte, suchte er andere Wege. Das zentrale Ereignis, das ihn inspirierte, war die Französische Revolution, und die Überzeugung, dass die Freiheit der Juden nur Hand in Hand mit der allgemeinen Freiheit geht, führte ihn zur Politik. Dazu kam die Erkenntnis, dass der Weg der Reformen die erwünschte Freiheit und Rechte nicht bringen würde. Er meinte, dass nur die Revolutionen – 1789, 1830 in Frankreich und 1848 – die Kräfte besiegen können, die das alte Regime aufrecht erhalten wollen. »Die Revolution wird abgeschlossen sein«, schrieb er, »wenn der Rechtsstaat in dem gesamten Europa aufgerichtet sein wird.« In den Jahren 1840–1850 war er aktiv in der demokratischen Bewegung in Berlin und nahm an den Kämpfen teil.

Zunz war Gründungsmitglied des »Vereins für Cultur und Wissenschaft der Juden«. Was waren die Voraussetzungen für die Gründung des Vereins und was wollte man erreichen?
Zunz war der Einzige im Verein, der das Projekt der Wissenschaft des Judentums sein ganzes Leben lang verfolgte und förderte. Das Ziel des Vereins war, das Selbstverständnis der Juden ihrer Zeit vollständig zu verändern. Für sie war das Judentum eine Kultur und das Judentum ein Kulturvolk.
Was war ihr Begriff von Kultur?
Während sie die Kategorien Religion und Nation als ausschließend betrachteten, war in ihren Augen Kultur, im Sinne von Herder, eine integrative Kategorie. Und da das Judentum eine Kultur ist, sollte es mittels der Wissenschaft behandelt und präsentiert werden. Die Wissenschaft des Judentums sollte die jüdische Kultur, die in den jüdischen Schriften enthalten ist, als eine aufgeklärte Kultur darstellen und die Juden als Weltbürger präsentieren, was die Integration der Juden in ihre Umgebung ermöglichen soll und kann.
Das hatte sicherlich Konfliktpotenzial…
Sie vertraten die Ansicht, dass man nicht unbedingt Jude sein muss, um die Wissenschaft des Judentums zu betreiben, und dass diese Wissenschaft auch dann weiterexistieren wird, wenn es keine Juden mehr auf der Welt gibt. Da sie das Judentum nicht hauptsächlich als Religion oder Nation definierten, erregte dies den Ärger sowohl der Rabbiner als auch der Zionisten, und sie wurden weitgehend ignoriert.
Wie war seine Stellung in der jüdischen Gemeinschaft, was waren seine Ideen bezüglich Assimilation und Inklusion jüdischen Lebens?
Seine Situation in der jüdischen Gemeinde war kompliziert. Zunz war für kurze Zeit Prediger in einer Reformgemeinde, aber das Publikum mochte ihn nicht. Seine Stellung und die Stellung des Vereins zur etablierten Gemeinde waren prinzipiell negativ. Zunz, wie auch Gans und andere, waren gegen jede Verbindung mit der Gemeinde, die sie als anachronistisch und schädlich für die Juden ansahen.
Wen oder was betraf die Kritik?
Die Träger ihrer Verachtung waren die Rabbiner und die Lieder der Gemeinden. Sie meinten, diese seien primitiv und hätten keine richtige Erziehung; deshalb könnten sie die jüdischen Kinder nicht erziehen und die Gemeinde nicht führen.
Sprach er sich für eine Reform aus?
Zunz selbst sprach anfangs für die Reform der jüdischen Religion und Gemeinde, später war er gegen die Reform in der Religion, aber immer war er für die Integration der Juden in Deutschland und in die Länder, in denen sie lebten.

Und auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft bezogen? Glaubte er da noch an Reformen?
Am Anfang war er überzeugt, dass die Reform bezüglich der Rechte der Juden weitergehen würde. 1819 veröffentlichte er unter dem Namen Helvitz seine Schrift »Über die Organisation der Juden in Deutschland«, in der er schrieb, dass die Freiheit zum allgemeinen Gut geworden sei und darunter auch die Freiheit der Juden falle. Später, enttäuscht durch die Restauration, meinte er, dass nur die Revolution die Freiheit für Deutschland und für die Juden bringen würde. Diese Überzeugung kommt deutlich in seinen politischen Schriften zum Ausdruck. Wenn der Staat sich nicht mehr an die Verfassung hält, schrieb er, könne nur die Revolution die Freiheit weiter fördern.
Wie stand er letztendlich dem Zionismus gegenüber?
Der Zionismus als Bewegung trat ja erst am Ende des 19. Jahrhunderts in Erscheinung, als Zunz schon alt und nicht mehr politisch aktiv war. Seine Stellung gegenüber jedem Nationalismus war aber generell negativ und ablehnend.
Was bleibt von ihm?
Die Antwort hängt von dem Gefragten ab. Zunz selbst wurde zwar als Historiker anerkannt und seine akademischen Schriften wurden zum Beispiel ins Hebräische übersetzt, seine politischen Schriften und Reden dagegen wurden in Israel weiterhin ignoriert. Ich sehe ihn als Revolutionär sowohl innerhalb des Judentums als auch in der deutschen Politik. Sein Hauptwerk liegt in der Verbindung zwischen der so genannten Judenfrage und der allgemeinen Forderung nach Recht, Gleichheit und Freiheit und der Verbindung dieser Agenda mit der Wissenschaft des Judentums. Er steht am Anfang einer Reihe liberaler und humanistischer jüdischer Denker:innen, die in der europäischen Kultur die Idee von Tikun Olam – Erlösung durch politische Taten – präsentierten. Dazu kommt, dass er die Wissenschaft des Judentums auf modernen und soliden Säulen stellte.
Text: Lutz Vössing
Dieser Beitrag ist Teil der der Reihe »Engagement & Demokratie in der jüdisch-deutschen Geschichte«.