The „Library of Lost Books“ zu Besuch in London

Die Ausstellung des internationalen Projekts des Leo Baeck Instituts Jerusalem und London wie auch den Freunde und Förderer e. V. Berlin wurde feierlich in der Wiener Holocaust Library London eröffnet 

Seit dem 6. Juni 2024 ist die Ausstellung der Library of Lost Books mitten in London eröffnet und gibt noch bis zum 10. Juli 2024 Einblicke in die Geschichte der Jüdischen Hochschule und die der einst bedeutendsten Bibliotheken deutsch-jüdischer Literatur. Das Projekt, zeigt nicht nur die Historie der Institution auf, sondern auch die Geschichte hinter den Werken, die sich in der Bibliothek befanden. Neben London wurde sie bereits an weiteren Orten präsentiert und ist zudem für jeden als Online-Ausstellung zugänglich.

Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums befand sich von 1872 bis 1942 in Berlin und war nicht nur ein Ort der Forschung und Lehre, sondern viel mehr ein sozialer Treffpunkt, an dem sich das moderne Judentum in Deutschland maßgeblich entwickelte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war die Hochschule, wie sämtliche jüdischen Institutionen, den Ideologien dieser ausgesetzt. Mit der Zeit begannen die Nationalsozialisten neben Bücherverbrennungen auch damit jüdische Bibliotheken systematisch zu plündern und raubten jüdische Bücher großer kultureller und interkultureller Bedeutung. Die Hochschule war eine der letzten jüdischen Einrichtungen, die nicht geschlossen wurden und bildete somit bis zu ihrer Schließung ein Zufluchtsort für Juden und Jüdinnen. In der Nachkriegszeit gerieten die gestohlenen Bücher nicht an ihre rechtmäßigen Besitzer:innen zurück, sondern wurden auf der ganzen Welt verstreut. 

Die Library of Lost Books macht mit ihrer physischen Wanderausstellung wie auch der Online-Version auf diese in der Gesellschaft weiterhin nahezu unbekannten Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung aufmerksam. Während die Bücherverbrennungen ein geläufiges Narrativ bilden, geraten der systematische Raub jüdischer Werke und die dahinterstehenden Schicksale meist in den Hintergrund. Das Projekt möchte zudem nicht nur aufklären, sondern eröffnet darüber hinaus neue Wege in die Bildungsarbeit. Es informiert in Form von Aktionstagen in Kooperation mit Bibliotheken und Museen junge Menschen darüber, wie die unrechtmäßig entwendeten Bücher gefunden werden und zusammengetragen werden können. 

London bildet einen weiteren Halt, den die Library of Lost Books auf ihrem Weg einlegt, um die rund 60.000 verschollen Bücher zu finden. Neben der Ausstellung werden in der Wiener Holocaust Library London auch Vorträge gehalten über die Persönlichkeiten der Hochschule und seiner Bibliothek. Rabbinerin Prof. Dr. Elisa Klapheck wird beispielweise am 1. Juli 2024 einen Vortrag über die erste Rabbinerin Regina Jonas halten. Darüber hinaus sind auch in Großbritannien Aktionstage geplant, an denen gemeinsam nach geraubten Werken gesucht wird, damit diese in der Online-Datenbank zusammengetragen werden. In diesen Workshops werden Kinder und Jugendliche über die Geschichte der Hochschule wie auch seine Werke aufgeklärt und lernen außerdem, wie die gestohlenen Bücher in Bibliotheken entdeckt werden können. Ihnen wird gezeigt, dass sie aber auch jeder, der sich für das Thema interessiert, dazu beitragen kann, dass die Bücher gefunden, die Gräueltaten der Nationalsozialisten aufgezeigt aber vor allem Gerechtigkeit wiederhergestellt werden kann. 

Am 9. Juli 2024 findet dann zum Abschluss der Ausstellung in London gemeinsam mit der Direktorin des LBI Jerusalem Dr. Irene Aue-Ben-David und der Kuratorin des Projekts Bettina Farack ein Tischgespräch statt, welches sich an Schüler:innen, Studierende und Bildner:innen richtet. Die Veranstaltungen werden auch Online übertragen. Anmeldungen sind jederzeit möglich.

Dr. Toby Simpson (Director, Wiener Holocaust Library)