Der ehemalige Lebensmittelgroßhändler und Vorstandsmitglied im LBI New York | Berlin Charlie Scheidt hat zusammen mit der Filmproduzentin und Regisseurin Kat Rohrer jahrzehntelang Dokumente ausgewertet und die Geschichte einer Familie verfasst, die vor dem Ersten Weltkrieg beginnt und in der Erzählung eines Nachfahren erneut zum Leben erwacht.
Mindestens 60 Millionen Menschen fielen Massenmorden und Genoziden des letzten Jahrhunderts zum Opfer, Schätzungen reichen sogar bis zu 170 Millionen. Anders gesagt: 170 Millionen Mal ist ein individuelles Leben ausgelöscht worden. Ein Leben steht niemals für sich allein. Familie, Geliebte, Freunde, Kollegen, Parteigenossen, Nachbarn oder nur Bekannte sind Teil des Kosmos jedes Einzelnen, der unwiederbringlich verloren ging. Umgekehrt gilt: Wer ein Leben rettet, rettet auch eine dieser individuellen Lebenswelten.
Viele Erzählungen enden mit dem Tod der Protagonisten und bleiben unerzählt. Manche tauchen in Berichten von Überlebenden wieder auf, die die Kraft haben, davon zu erzählen. Viele Überlebende aber, und so ist es auch bei den meisten der hier vorliegenden Geschichten, lassen ihr altes Leben hinter sich, fangen neu an und blicken nur noch nach vorne. Das Erlebte war oft zu furchtbar und die schwierigen Umstände in der neuen Heimat bieten keine Möglichkeit, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die Erzählung der Familie Scheidt hat einige düstere Kapitel zu verzeichnen. Ein Onkel, eine Tante von Charlie sowie eine Nichte werden ermordet. Bruno Scheidt jedoch, Charlies Vater, überlebte die Verfolgung der Jüdinnen und Juden, wie auch der größte Teil seiner Familie.
Doch es gibt auch erfreuliche Stränge im Leben der Familie. Z.B. die von Bruno Scheidt, Charlies Vater, der die Verfolgung überlebte und die beachtliche Firmengeschichte von »American Roland Food« – einem Lebensmittel-Großhandel, 1925 in Frankfurt gegründet, von den Nazis geschlossen und sechs Jahre nach der Flucht neu gegründet – zu verantworten hat. Bis 2013 wurde das Unternehmen erfolgreich von Charlie fortgeführt. Sein Vater starb früh. Der neben seinem Studium bei ihm arbeitende Charlie übernahm später gemeinsam mit der Mutter die Firma. Es war keine Zeit, groß darüber nachzudenken.

Den Materialien, die Charlies Mutter kurz vor ihrem Tod erwähnte, hat er erst viele Jahre später wirklich Beachtung geschenkt. Als er 2009 Kat Rohrer bei der Erstellung eines Videoporträts über das 75-jährige Bestehen der Firma kennenlernte, bemerkte er ihre Offenheit für die Thematik und sprach über eine Zusammenarbeit bei der Auswertung. Kat Rohrer, deren Familie teilweise selbst Nazis waren und zugleich eine Fluchtgeschichte aufgrund von Verfolgung hatte, verbrachte gemeinsam mit ihm mehr als 15 Jahre mit der Arbeit, die eigentlich ausgebildete Archivare verrichten. Als Charlie 2014 die Firma verkaufte, begann er, sich intensiver dieser Aufgabe zu widmen.

Charlie Scheidt beschreibt das Buch selbst als eine gemeinsame Reise von Kat Rohrer und ihm, die zwei Stränge erzählt: die Flucht seiner Familie vor den Nazis einerseits und die Recherchearbeit für das Buch andererseits. Dabei entsteht ein Bild des Familientraumas und der Entwicklung seines eigenen Ichs. Wer von anderen erzählt, erzählt auch immer viel von sich selbst. Obwohl die Eltern nie viel vom Krieg berichteten, haben sich in ihrem Verhalten dem Sohn gegenüber Erfahrungen eingeprägt. Charlie Scheidt erzählt sensibel und mit großer Aufmerksamkeit für Details davon.
Literatur bietet die Möglichkeit, Einblick in Leben, Sichtweisen und Beweggründe für Handlungen und Entscheidungen zu erhalten – und somit die Lebenswelt eines anderen Menschen zu erkennen. Ein mögliches Ergebnis ist ein Verständnis dafür, dass Geschichte nie nur Vergangenheit ist, sondern im Jetzt weiterwirkt und zum Handeln auffordern kann, wenn sie als ethischer Imperativ verstanden wird. Denn Muster wiederholen sich, und Menschen bleiben in vielen grundlegenden Strukturen gleich.Im besten Fall wächst dabei auch die Fähigkeit zu Mitgefühl – eine Eigenschaft, die über bloßes Nachvollziehen hinausgeht und den anderen als leidendes Wesen in seiner eigenen Welt anerkennt. Das Buch von Charlie Scheidt bietet Raum für solche Empfindungen, bewahrt Erinnerung und erzählt Geschichte.
Scheidt, Charlie / Rohrer, Kat: Inheritance: Love, Loss, and the Legacy of the Holocaust. Rutgers University Press, 2026. 252 pp. €28–30.