Lost Books Lab startet in Baden-Württemberg | Bildungsprojekt macht NS-Raubgut sichtbar und lädt Unternehmen und Bibliotheken zur Zusammenarbeit ein

Auf der Suche nach Provenienzmerkmalen in alten Buchbeständen | Freunde und Förderer des LBI

Mit dem „Lost Books Lab Baden-Württemberg“ startet im Mai 2026 in Baden-Württemberg ein neues Bildungsprojekt, das an die erfolgreiche Initiative Library of Lost Books anknüpft und diese konsequent weiterentwickelt. Das Projekt ist durch die Baden-Württemberg Stiftung gefördert. Ziel ist es, die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Buchraub und seinen Folgen in neue gesellschaftliche Kontexte zu tragen – insbesondere in die berufliche Bildung und betriebliche Weiterbildung.

Die Library of Lost Books, eine mehrfach ausgezeichnete Public‑History‑Initiative des LBI Jerusalem und des LBI London, hat in den vergangenen Jahren gezeigt, welches Potenzial in der objektbasierten Auseinandersetzung mit NS‑Raubgut liegt. Geraubte Bücher machen Verfolgung, Enteignung und kulturelle Auslöschung nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar. An diese Erfahrung knüpft das Lost Books Lab an und überträgt sie erstmals systematisch auf den beruflichen Kontext. 

Ein neues Format für neue Zielgruppen

Das Lost Books Lab in Baden-Württemberg ist als zweijähriges Modellprojekt (Mai 2026 bis April 2028) angelegt und setzt in Bibliotheken als außerschulischen Lernorten an. In Zusammenarbeit mit Unternehmen in Baden-Württemberg arbeiten Auszubildende und Mitarbeitende mit historischen Büchern, die während des Nationalsozialismus ihren jüdischen Eigentümerinnen und Eigentümern geraubt wurden. Im Zentrum stehen halbtägige, partizipative Workshops, in denen Provenienzmerkmale recherchiert, dokumentiert und gemeinsam ausgewertet werden.

Durch diese forschende Herangehensweise erschließen sich die Teilnehmenden die Geschichte des NS‑Buchraubs eigenständig. Sie lernen, Antisemitismus nicht nur als historische Ideologie, sondern als Weltdeutungs‑ und Handlungsmuster zu verstehen, das systematisch auf Entrechtung, Enteignung und kulturelle Auslöschung zielte – und dessen Wirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Kooperation von Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft

Das Projekt wird gemeinsam umgesetzt von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, dem Leo Baeck Institut Jerusalem und uns, dem Verein der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts. Während der Verein die Projektleitung, Koordination und das Kooperationsmanagement verantwortet, bringt die Hochschule für Jüdische Studien ihre ausgewiesene Expertise in Provenienzforschung und antisemitismuskritischer Bildungsarbeit sowie die Öffentlichkeitsarbeit ein. Das Leo Baeck Institut Jerusalem begleitet das Projekt mit seiner internationalen Erfahrung in Public History und Qualitätssicherung. 

Diese enge Zusammenarbeit ermöglicht es, wissenschaftliche Forschung, pädagogische Praxis und gesellschaftliche Verantwortung miteinander zu verbinden. Gleichzeitig entstehen neue Netzwerke zwischen Bibliotheken, Unternehmen und weiteren Partnern wie Archiven oder Antiquariaten in Baden-Württemberg. Für die Umsetzung suchen wir in der Region Partner, insbesondere Berufsschulen, Unternehmen und Bibliotheken oder Archive. Wenn Sie Interesse an einer Kooperation haben, wenden Sie sich bitte an die Projektleitung via Ticha.matting@leobaeck.de

Nachhaltigkeit und Verstetigung von Beginn an

Das Lost Books Lab ist von Beginn an auf Nachhaltigkeit und Übertragbarkeit ausgelegt. In einer Pilotphase im Raum Heidelberg erproben wir die Formate und entwickeln sie weiter. Daran schließt sich eine bundeslandweite Umsetzung mit weiteren Workshops an. Parallel entstehen ein digitales Handbuch, modulare Materialien sowie Train‑the‑Trainer‑Formate, die es Bibliotheken und Unternehmen ermöglichen, die Workshops langfristig eigenständig durchzuführen.

Ab dem zweiten Projektjahr gibt es zudem eine modulare Ausstellung an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, die anschließend durch Partnerbibliotheken in Baden-Württemberg wandert. Eine digitale Dokumentationsplattform macht ausgewählte Ergebnisse sichtbar und würdigt das Engagement der Teilnehmenden. 

Ausblick

Mit dem Lost Books Lab führen wir den Ansatz der Library of Lost Books konsequent weiter. Dabei erschließen wir neue gesellschaftliche Räume für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und NS‑Unrecht. Das Projekt stärkt Bibliotheken als Lernorte, bringt historische Verantwortung in betriebliche Kontexte ein und schafft die Grundlage für eine langfristige Verankerung antisemitismuskritischer Bildungsarbeit über Baden-Württemberg hinaus.

Der Projektstart im Mai 2026 markiert damit einen wichtigen Schritt in der Bildungs‑ und Vermittlungsarbeit rund um die Provenienzforschung – und setzt ein klares Zeichen für die Verbindung von Geschichte, Gegenwart und demokratischer Verantwortung.

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