Rückblick Jahresveranstaltung

auf dem Podium: Dr. Sebastian Schirrmeister, Dr. Ursula Krechel, Prof. Dr. Michael Brenner und Natascha Freunde (v.l.n.r.)

Eine Podiumsdiskussion in der W. M. Blumenthal Akademie Berlin – mit Ursula Krechel, Michael Brenner und Sebastian Schirrmeister

»FREMDE HEIMAT« – Deutsch-jüdisches Exil gestern und heute

Am 10. Juni 2026 kamen rund 150 Gäste in die W. M. Blumenthal Akademie des Jüdischen Museums Berlin, um gemeinsam über eine der drängendsten Fragen der deutsch-jüdischen Geschichte – und der Gegenwart – nachzudenken: Was bedeutet es, eine fremde Heimat zu finden, wenn die eigene verloren ist? Was verbindet die erzwungene Emigration der NS-Zeit mit den Fluchterfahrungen von heute?

Die Podiumsdiskussion »FREMDE HEIMAT – Deutsch-jüdisches Exil gestern und heute« war eine Kooperation der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts mit dem Podcast und der Radiosendung Der zweite Gedanke (radio3/rbb). Moderatorin Natascha Freundel, Journalistin mit Schwerpunkt deutsch-jüdischer Geschichte, führte durch einen Abend, der viel Raum ließ für Nachdenklichkeit, für persönliche Einblicke – und für die Kraft von Sprache und Literatur.

»FREMDE HEIMAT« Deutsch-jüdisches Exil gestern und heute, W. M. Blumenthal Akademie auf dem Podium Dr. Sebastian Schirrmeister, Dr. Ursula Krechel, Prof. Dr. Michael Brenner und Natascha Freundel (v.l.n.r.)

Doppelte Heimatlosigkeit

Im Mittelpunkt stand die historische Erfahrung deutschsprachiger Jüdinnen und Juden, die nach 1945 – als »Minderheit einer Minderheit«, so Ursula Krechels prägnante Formulierung – zurückkehrten und dabei oft ein zweites Exil vorfanden. Nicht das ersehnte Zuhause, sondern eine weitere Form von Fremdheit. 

»Bei jeder Emigration gibt es ja verschiedene emotionale Schichten. Dankbarkeit spielte bei vielen eine ganz große Rolle: die Dankbarkeit, aufgenommen zu werden. Aber selbst nach Jahrzehnten, wenn man sich wirklich eingelebt hat und wohlfühlt und die Sprache einigermaßen spricht, bleibt immer eine gewisse Distanz, oft auch eine gewisse Nostalgie, trotz bestimmter Verfolgung. Ich denke immer an den Spruch, als eine deutsch-jüdische Einwanderin in New York gefragt wurde: ›Are you happy?‹ Und sie sagt: ›Yes, I am happy, aber glücklich bin ich nicht.‹«MICHAEL BRENNER

Prof. Dr. Michael Brenner ist der Internationale Präsident des LBI

Remigration – ein Begriff mit Geschichte. Ausführlich diskutiert wurde die ursprüngliche, historisch belastete Bedeutung des Begriffs »Remigration«, der heute politisch umkämpft ist: Was er für jüdische Rückkehrer nach 1945 bedeutete – Hoffnung und Enttäuschung zugleich – und wie er sich von seiner gegenwärtigen Verwendung grundsätzlich unterscheidet.

Europäische Abschottungspolitik und Solidarität. Ursula Krechel mahnte, die Gleichheit aller Menschen nicht als Leerstelle zu belassen: Migration mache auf brutale Weise sichtbar, wie »ungeheuer ungleich, wie sortiert« Menschen behandelt werden – je nachdem, ob sie eine Familie haben, aus welchem Land sie fliehen, welche Papiere sie besitzen.

 

»Es gibt Allianzen und Solidaritäten, auch mit Blick auf das deutschsprachig-jüdische Exil. Wenn eine syrische Autorin, die in Deutschland lebt, einen Brief an Hannah Arendt schreibt und veröffentlicht, weil sie sich in dem, was Hannah Arendt in ›Wir Flüchtlinge‹ geschrieben hat, wiederfindet – dann stimmt mich das zuversichtlich.«SEBASTIAN SCHIRRMEISTER

Sebastian Schirrmeister stellt immer wieder Bezüge zur literarischen Praxis her

Literatur als Brücke 

Sebastian Schirrmeister zog eindrucksvolle Verbindungslinien zwischen der jüdischen Exilliteratur des 20. Jahrhunderts und der migrantischen Gegenwartsliteratur – und machte deutlich, wie sehr sich Autor:innen verschiedener Herkunft über die Zeiten hinweg im Gespräch befinden: Abbas Khider, der aus dem Irak geflohen ist, gibt einem Roman ein Gedicht von Rose Ausländer als Motto mit. Solche Allianzen, so Schirrmeister, seien ein Zeichen von Hoffnung.

 

Der Mitschnitt des Abends ist im radio3-Archiv sowie als Podcast »Der zweite Gedanke« in der ARD Sounds App und bei Apple Podcasts verfügbar. Die Veranstaltung war eine Kooperation der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts mit radio3 (rbb).


Über die Teilnehmenden auf dem Podium:

  • Dr. Ursula Krechel setzt sich in ihrem literarischen Werk mit den Themen Verfolgung, Flucht und Exil in Geschichte und Gegenwart auseinander, so auch in ihrem jüngsten Buch »Vom Herzasthma des Exils«. Der Text appelliert an ein Umdenken und tiefgreifenden Respekt für jene, die ihre Heimat verlassen (müssen und mussten). 2025 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis.
  • Prof. Dr. Michael Brenner ist der Internationale Präsident des Leo Baeck Instituts. Er forscht und publiziert zu Themen deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur, zuletzt in seinem Buch »Der lange Schatten der Revolution«. Michael Brenner ist Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der American University in Washington D.C.
  • Dr. Sebastian Schirrmeister ist Literaturwissenschaftler. Er forscht u.a. zur deutschsprachigen Exilliteratur, zu deutsch-hebräischen Literaturbeziehungen und zu deutsch-jüdischen Archiven. Er ist der Autor von »Das Gastspiel« (2012) und »Begegnung auf fremder Erde« (2019) sowie zahlreicher wissenschaftlicher Aufsätze.
  • Moderation: Natascha Freundel ist Journalistin mit einem Schwerpunkt auf deutsch-jüdischer Geschichte. Sie ist Redakteurin und Moderatorin der Podcast- und Radiodebatte »Der zweite Gedanke« von radio3 im rbb.

 

Frau Dr. Julia Friedrich, Sammlungs- und Ausstellungsdirektorin des Jüdischen Museum Berlin hielt ein Grußwort. Genauso wie Paul Nemitz, Vorstandsmitglied der Freunde und Förderer des Leo Baeck Instituts. Wir bedanken uns bei allen Diskutanten, Besuchern und Besucherinnen für Ihre Teilnahme.

Im Anschluss fand ein Empfang im Garten des Diaspora des Jüdischen Museums statt.

Besucher und Besucherinnen im Gespräch beim Empfang im Anschluss an die Podiumsdiskussion



In Kooperation mit

auf dem Podium: Dr. Sebastian Schirrmeister, Dr. Ursula Krechel, Prof. Dr. Michael Brenner und Natascha Freunde (v.l.n.r.)
auf dem Podium: Dr. Sebastian Schirrmeister, Dr. Ursula Krechel, Prof. Dr. Michael Brenner und Natascha Freunde (v.l.n.r.)